Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Gemälde-Galerie des Grafen von Schack in München
Person:
Schack, Adolf Friedrich von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4415827
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4417126
geführt worden sind. So finden sich in fast allen Galerien Ge- 
mälde, die mit dem Namen des Rubens prangen, aber seines 
Genius unwürdig sind; solche dagegen, die er mit Sorgfalt und 
Liebe gemalt  und ihre Zahl ist noch immer Legion  weisen 
ihm eine Stelle in der Reihe der ersten Künstler an. Ebenso 
wie seine grossen, wildbewegten Kompositionen, in denen er 
excellirt, bewährt dies sein Selbstporträt; er hat sich darin 
zum Rangef eines der besten Bildnismaler emporgeschwungen. 
Ein zweites, in welchem sich der Meister in etwas späteren jahren 
selbst aufgenommen hat, wirkt weniger anziehend; aber die Kopie, 
die Lenbach davon geliefert, ist wichtig, weil das Original in den 
Uffizien sich in einem dem Untergange nahen Zustande beündet. 
Nach München zurückgekehrt, kopirte Lenbach für mich 
noch ein treffliches Bild von Van Dyck: die das Violoncell 
spielende Gattin des Künstlers, damals noch in Schleiss- 
heim befindlich, jetzt in die Pinakothek übergegangen. Nun 
aber rüstete er sich, einem lange von mir gehegten Wunsche 
entsprechend, zu einer Expedition nach Spanien. Das Museum 
in Madrid ist ohne Frage das reichste der Welt, und keineswegs, 
wie Einige glauben, hauptsächlich durch die Werke der spani- 
schen Maler, von denen man dort allein umfassende Kenntnis 
gewinnen kann; vielmehr sind alle Schulen daselbst in gleicher 
Fülle und vorzüglicher Auswahl vertreten. Die Könige aus dem 
Hause Habsburg waren eben in den beiden Jahrhunderten, als 
die Malerei ihre schönsten Blüten trieb, die Gebieter Europas, 
und wenigstens zwei von ihnen zeichneten sich durch ihren 
feinen Geschmack ebenso, wie durch den Eifer aus, mit dem sie 
gute Kunstwerke in ihren Besitz zu bringen trachteten. Der 
Freund des Schönen wird Karl V. für manche Fehler seiner 
Regierung Absolution erteilen, wenn er bedenkt, dass dieser 
Monarch den hohen Genius des Tizian erkannte und in vollem 
Masse würdigte. Auch Philipp IV., unter dessen gewiss nicht 
mustergültiger Herrschaft das spanische Weltreich schon stark 
in Verfall geriet, wird uns in günstigerem Lichte erscheinen, 
wenn wir ihn nicht als Regenten, sondern als den feinsinnigen 
Mann betrachten, der, wie den Dichter Calderon, so den Maler 
Velasquez in seine nächste Nähe zog und seine diplomatischen 
Agenten in halb Europa beauftragte, die besten Gemälde, deren 
sie habhaft werden konnten, für ihn zu erwerben. Aber selbst 
die Hnstere Seele eines Philipp II., die enge und verschlossene 
Philipps III. war für den Reiz des Schönen nicht ganz unem- 
pfänglich, und auch diesen beiden Königen verdankt Spanien 
den Besitz manches kostbaren Gemäldes. So bewahrt das Mu- 
seum von Madrid, wo jetzt das früher in verschiedenen Schlössern 
Zerstreute zusammengedrängt ist, einen Schatz von unermess- 
lichem Werte und einzig in seiner Art. In diesen Räumen hat 
sich noch der sonst so tief erblichene Glanz des Reiches er- 
halten, in dem die Sonne nicht unterging. 
Der Kunstfreund, der Madrid besucht, denkt natürlich zu- 
erst an die Spanier, die dort in höchster Trefflichkeit und fast 
zahllosen Exemplaren repräsentirt sind; indessen, wenn er das 
Museum betritt, bemerkt er doch bald, dass die einheimischen, 
wie alle anderen Künstler, vor den Italienern, als den Königen 
der Malerei, zurücktreten. Besonders aber ist es der mächtige 
Genius des Tizian, der hier als Alleinherrscher waltet, so dass 
selbst Rafael, obgleich eine Menge seiner Hauptwerke vorhanden, 
in Gefahr kommt, von ihm herabgedrückt zu werden. Ich bin 
immer der Meinung gewesen, der gewaltige Venezianer werde 
noch nicht in seinem vollen, immensen Werte begriffen. Wie 
sehr sich ihm in neuerer Zeit auch die Bewunderung zugewandt 
hat, so ist man doch immer geneigt, in ihm vorzugsweise den 
Maler des sinnlichen Reizes, den unübertrefflichen Koloristen zu 
ehren. Aber wiewohl es wahr ist, dass er als unumschränkter 
Gebieter im Reiche der Schönheit dasteht und ihm Keiner hierin 
die Palme entreissen kann, so erschöpft sich damit doch nicht 
entfernt seine Bedeutung; vielmehr ist die Universalität, das All- 
umfassende seines Genies das Wunderwürdige an ihm, und man 
weiss nicht, 0b man mehr seine Höhe oder seine Tiefe bestau- 
nen soll. Das Erhabenste und Grösste, das Mächtige und Er- 
schütternde gehört ebenso zu seiner Domäne, wie das Süsse, 
Liebliche und Herzbestrickende. Ist je ein Bild von so tragi- 
schem Pathos bei rührendstem, die ganze Seele bewältigendem 
Ausdrucke des Schmerzes hervorgebracht worden, als seine wGrab- 
legungx in Paris? je eines von so hinreissendem, uns auf den 
Flügeln der Begeisterung durch alle Himmel dahintragendem 
Schwunge, wie das prachtvolle Gemälde der sDreieinigkeita oder 
M161" himmlischen Gloriex in Madrid, das über dem Sarge Karls V. 
in St. just aufgestellt war? Hat selbst Michel Angelo etwas 
Kühneres, Gigantischeres geschaffen, als Tizians sPrometheusa 
eben hier ist? Und neben diesen Riesenwerken die beinahe 
endlose Reihe von Bildnissen, in denen er fast allen bedeutenden 
Menschen seiner Zeit unvergängliche Dauer geliehen hat: den 
Kriegern und Feldherren, den Staatsmännern und Dichtern, den 
Jungfrauen mit ihren holden Engelsgesichtern, wie den ehr- 
würdigen Matronen! Wie hat er in seinen Schlachtbildern die 
bewegtesten, vom Sturme des Kampfes durcheinander gewir- 
belten Gruppen mit seinem Zauberstabe berührt und auf die 
Leinwand gebannt, so dass der Hüchtig vorüberrauschende, kaum 
fassbare Augenblick für alle Zeiten fortwährt! Und nun, neben 
dem strengen, oft fast erschreckendem Ernste so vieler Werke 
der bunte Farbenteppich des fröhlichsten Lebens, den er in 
anderen vor uns ausbreitet, wie in dem von Regenbogenpracht 
umglänzten Bilde wBacchus und Ariadnea zu London, oder dem 
ähnlichen hier! 
Unter den fast fünfzig Gemälden Tizians in Madrid war 
mir von jeher eines als das grösste erschienen, als ein Werk von 
so einziger und erstaunlicher Bedeutung, dass im weiten Gebiete 
der Kunst sich nur wenige in seine Nähe wagen können. Es 
ist dies das grosse Reiterbildnis Karls V. Nie ist das ganze 
Leben eines Menschen, des Mächtigsten seiner Zeit, nie sein 
innerstes Wesen in so überwältigender Kraft, mit so überzeugen- 
der Wahrheit in einer Figur hingestellt worden. Dieser Karl, 
der Sohn einer wahnsinnigen Mutter, der schon als jüngling mit 
gebrochenen Kräften zur Beherrschung eines ungeheuren Reiches 
gelangte und eine Last auf sich gelegt fühlte, die zu tragen er 
unfähig war, der ruhelos von einem Lande zum andern irrte, 
und aus dem wirren, um ihn entfesselten Weltgetriebe sich früh 
das Grab als Zuflucht ersehnte, steht hier ganz und voll vor 
uns, wie ihn kein Geschichtsschreiber erkannt und zu schildern 
vermocht hat, wie ihn nur ein Seher und Prophet  denn als 
solcher erscheint Tizian hier  zu erfassen im Stande war. 
Diese bereits früh vom Alter gebeugte Gestalt, dies bleiche Antlitz 
mit den tief-melancholischen Zügen, erfüllt uns mit unendlicher 
Wehmut; und wie wir den lebensmüden Kaiser, dessen ermattete 
Hand kaum die Lanze zu halten vermag, auf dem schwarzen 
Rosse an uns vorübersprengen sehen, möchten wir ihm in das 
Grab folgen, wo all sein Leid enden soll. Ebenso staunen- 
erregend wie der Tiefblick, mit welchem der Künstler die Seele 
seines Helden bis in ihre innersten Falten zerlegt hat, mit dem 
er schon bald nach der Schlacht von Mühlberg  denn damals 
ist das Bild gemalt  als der Kaiser auf dem Höhepunkte seiner 
Macht stand, seine freiwillige Weltentsagung vorausverkündet, ist 
der Glanz der äusseren Erscheinung, in welchem er ihn uns 
vorführt. Die Tiefe und Pracht der Farbe sucht ihresgleichen, 
besonders in der Landschaft; dann aber gleichfalls in dem Kolorit 
des schwarzen Rosses, der Rüstung und des Helmes. Damit 
kontrastirt die leichenhafte Blässe des Gesichtes zur ungeheuersten 
Wirkung. Besonders gewaltig ist der Eindruck, wenn der Abend- 
schatten sich auf das Bild legt, und der Reiter, wie ein Geist 
des Grabes, gespenstisch an uns vorüberzugleiten scheint.  
Man hört bisweilen wohl Bemerkungen über das Pferd, dass es 
aller N aturwahrheit spotte, und gewiss hat Tizian auch kein
        

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