Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tempelmasse
Person:
Wolff, Odilo
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4532800
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4533516
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Schranken die freie Bewegung des künstlerischen Genius beeinträchtigen, 
brauchen wir demnach kaum zu widerlegen. Die geflügelten Worte, daß 
sdie Schönheit aus der Freiheit stamme, in den Elementen der Freiheit 
lebe und sich nicht in starre geometrische Notwendigkeit binden lassen, 
sind nichts mehr als Phrase?) 
Ihnen steht das Wort Goethes entgegen: 
alfl der Beschränkung zeigt sich uns der Meister, 
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit gebenß 
In der Tat, so wenig wie durch die Gesetze der Harmonie die 
Freiheit des Komponisten gehemmt ist, ebensowenig würde es richtig sein 
zu sagen, der Architekt büße durch ein solches Gesetz die Freiheit 
ein?) Nicht der Freiheit wird eine Schranke gesetzt, sondern der Un- 
gebundenheit, der Maßlosigkeitß) Es erstarkt vielmehr die Freiheit am 
Gesetze, beide durchdringen sich gegenseitig. Den Gefühlen des Künstlers 
ist ein unverrückbarer, gesetzmäßiger Untergrund gegeben; aber die 
freiheitliche, schöpferische Ausführung bewegt sich innerhalb dieser dem 
rationalen Geiste von klar bewußtem Gesetze gezogenen Grenzen nicht 
wie in hemmenden Schranken, sondern wie in Moderatoren seiner Freiheit. 
Sie sind in der Tat die s geheimnisvollen Bewahrerinnen der SClIÖIIlIGlte, die 
dem ganzen Werke mit einer gewissen Notwendigkeit den Rhythmus und die 
Harmonie der Schönheit aufprägen. wNur auf Grund strenger Gesetzmäßig- 
keit baut sich das Werk der freien Schönheit Hilfe, sagt Reichenspergerf) 
1) Mohrmann (in seiner Neuausgabe 1890 von Ungewitters Handbuch der gotischen Kon- 
struktionen, S. 273) meint: sDaB ein ganzes Bauwerk im großen und im kleinen in ein starres, immer 
wiederkehrendes Zirkelgewebe gezwängt sei, ist jedenfalls für die Schöpfung des früheren Mittel- 
alters im Widerspruch stehend zu deren eigenem Ausweis. Gerade dadurch ist die Kunst jener 
Zeit zu ihrer edlen Blüte gelangt, daß sie wie keine andere, frei von schablonenhaften Fesseln 
und doch mit gehaltvoller Strenge von Fall zu Fall aus dem inneren Wesen der Sache heraus schuf! 
2) Viollet-le-duc (Dict. VIII, p. 550): wjamais les regles, dans les productions de Pesprit 
humain n'ont ete une entrave pour les esprits d'elite. Les regles, si severes de Yharmonie 
musicale n'ont point empeche les grands compositeurs de faire les chefs-dTnuvre et n'ont point 
steuere leur inspiration. I1 en est de meme pour Parchitecturem 
3) Fr. Hoeber: rDie heutigen Architekten wollen wenig von Proportionen wissen, sie ver- 
langen ,Freiheit des Schaffens von Fall zu Fallt Diese Freiheit ist oft nichts als ,Willkiir', und in der 
Tat gibt es selten etwas Willkürlicheres, Zerfahreneres als die moderne Architektur. Man sucht 
nach neuem Stil und sucht ihn in der Neuertindung von ,Motiven' und Zieraten anstatt in Raum- 
lösunga (Dies Urteil ist wohl etwas zu hart.) 
4) Ein Hinausgehen über das sMaßx in gewissem Grade kann zuweilen absichtlich geschehen 
zur schärferen Charakterisierung oder Hervorhebung eines Teiles. ja, wleichte Abweichung von der 
starren, mathematischen Liniee, sagt Ad. Michaelis (Parthenon, S. 19), rruft sogar im Vereine mit 
anderen Inkongruenzen jenen Eindruck von Lebendigkeit hervor, welcher die griechichen 
Bauten von unseren modernen so wunderbar unterscheidet. Abgelauscht ist dieses Geheimnis der 
Natur, die keine streng mathematische Linie kennt; selbst die Linie des fernen Meeres erscheint 
ja leicht gekrümmte 
        

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