Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Wand und ihre künstlerische Behandlung
Person:
Bie, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4229072
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4230436
MODERNE WAND Q3 
symmetrischen, triumphierenden Glanz einer Renaissance- 
{assade zerstört und unmöglich macht. Diese innere Ehr- 
lichkeit war das Leitmotiv des gotischen Hauses, und sie 
ist es wieder im modern englischen Hause, das bewusst 
die gotischen Erinnerungen aufnimmt. Die Renaissance 
hat in England nur eine kuriose Rolle gespielt; die Gotik 
war kaum vergessen, da begann sie mitten 1m achtzehnten 
Jahrhundert schon wieder. Der Engländer begreift nicht 
den schönen Schein südlicher Renaissance. Er meint, 
wer sich eine Renaissancefassade baue, müsse im Grunde 
das gegenüberliegende Haus mieten, um sie sich besehen 
zu können. Er iebt sein eigenes Haus und dessen voll- 
kommene Nützlichkeit und logische Durchbildung im 
Grundriss, Aufriss und Ornament. Er liebt das Echte, 
die Ziegel als Ziegel, die Fugen als Fugen zu zeigen, 
die Maserung des Holzes als natürliche Verzierung zu 
benutzen, die Schornsteine nicht zu verstecken, sondern 
schön zu machen, die Profile zu mässigen, die Gesimse zu 
dämpfen und lieber die innewohnenden Funktionen des 
'l'ragens und Lastens naturgemäss auszubilden, organisch 
wie das Ornament, das dem Bau einer Pflanze nach- 
empfunden wird. Vertäfelungen sind ihm überaus sym- 
pathisch; die alten praktischen Vorteile, dass Schränke 
und Waschnischen und Regale in die Vertäfelung mit 
hineingenomrnen werden, [holt er wieder hervor im 
Gegensatz zu allen Emancipationen der Möbel in der 
Renaissance. In jeder Beziehung ist er das Gegenteil 
des Italieners. Er will nichts präsentiv haben oder selbst 
präsentieren, er will es benutzen und als einen Teil in 
seiner alten schönen Privatkultur aufgehen lassen. Hier 
war das nordische Ideal des verfeinerten Interieurs in 
eben solcher Vollkommenheit erreicht wie einst in der 
Renaissance das südliche Ideal des prunkenden Interieurs. 
Hierin war gar nichts von Exterieur mehr, es war 
reinste Innerlichkeit. Mit nordischem Auge gesehen er- 
scheint uns diese Kultur ehrlich gegen die südliche 
mit südlichem gesehen erscheint uns die Renaissance
        

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