Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der schönen Gartenkunst
Person:
Meyer, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1046907
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4215499
I. Allgemeine Grundsätze fair die Anordnung. 
Wenn ein Ganzes aus noch so vielen von einander verschiedenen Hauptstandpnnkt der einen Partie oder derjenige Punkt, von dem aus 
Gegenständen besteht, und es kommen dieselben Gegenstände überall vor, man den gröfseren Theil der Partie über-schaut. und nach welchem ihre 
so erzeugt dieser Umstand Einerleiheit; ist aber die Verschiedenheit volle Wirkung von Natur oder durch künstliche Anordnung hingerichtet ist, 
der Objekte an gewisse Stellen im Ganzen gebunden, so erscheint dem Hauptstandpunkte der anderen nicht zu nahe liege. Unvermuthetes, 
Mannigfaltigkeit, worin das eigentliche Wesen der formalen Schön- plötzliches Hervorbrechen einer Partie, welches auf Mangel an Vorberei- 
heit beruht. Wenn daher jede Partie im Ganzen theils durch Vorführung tung oder Uebergang beruht, ist gewöhnlich von aufserordentlicher Wir- 
neuer Objekte, theils durch eigenthümliche Art ihrer Zusammenstellung kung, darf aber, wie die Anwendung von Contrasten, ohne Nachtheil für 
sich auszeichnet, so bewahrt sie nicht nur ihren eigenthümlichen Reiz vor das Ganze nur sparsam stattfinden. 
den anderen, sondern es wird auch dadurch zugleich die Mannigfaltigkeit Einen solchen Standpunkt, worauf die Gesammtwirkung einer Partie 
im Ganzen um so bemerkbar-er und elfektvoller. Von der möglichst sich concentrirt, sollte jede Partie enthalten, aufserdem aber nach Mafs- 
grofsen Anzahl solcher verschiedenen Partieen hängt daher die Schönheit gabe ihrer Gröfse und Mannigfaltigkeit noch mehrere untergeordnete 
des Ganzen ab, und es mufs demnach bei jeder Anlage auf eine gröfst- Standpunkte, in welchen Einzelnes der Partie ziemlich selbstständig zur 
mögliche Anzahl von verschiedenen Partieen hingearbeitet werden. Jedoch Wirkung komme, und zwar so, dal's jeder Standpunkt einen anderen 
setzen die Ausdehnung des Platzes und der Charakter des Ganzen hierin Hauptgegenstand darbiete oder dafs, wenn dieses nicht möglich, doch die 
gewisse Grenzen. Der Charakter des Ernsten und Würdevollen z. B. Gegenstände stets in neuer Lage und unter anderen Nebenumständen auf- 
erfordert Gröfse und einen geringeren Wechsel in den Objekten, mithin treten. In dieser Rücksicht, wie auf das Einhalten einer schicklichen 
auch grofse Ausdehnung der Partieen, während ein heiterer Charakter Reihefolge der Seenen, kommt sehr viel auf die Anzahl und Führung der 
schnelleren Wechsel, und demnach auch geringere Ausdehnung der Par- Wege  der stummen Führer des Spaziergängen-s  an, und ihre An- 
tieen verlangt. Ein und derselbe gegebene Raum wird daher, wenn zahl und Führung ist demgemäfs vorzüglich darnach zu bemessen, oder 
das Ganze einen ernsten Charakter tragt oder annehmen soll, weniger die ganze Auswahl und Anordnung der Gegenstände längs derselben 
Partieen  weil sie ausgedehnter sein müssen  zulassen, als ein hei- mufs so getroffen sein, dal's stets neue Gegenstände oder neue Combina- 
terer Charakter. tionen derselben der Wahrnehmung vorgeführt werden; wo dieses nicht 
So ist denn die Anzahl und Einrichtung der Partieen nicht belie- der Fall ist, da sind sie als überflüssig oder fehlerhaft anzusehen, es sei 
big anzunehmen, sondern abhängig von dem, was die Lokalität nach denn, sie machten sich durch Ausdehnung der erforderlichen Promenaden 
ihrer Ausdehnung und sonstigen Beschalfenheit möglich und pafsend unmöglich nothwendig. 
erscheinen läfst, wie nicht minder von der von Bedürfnifs und Nei- Den Hauptstandpunkt im Ganzen bildet in der Regel das Wohn- 
gung innerhalb jenes Möglichen und Pafslichen geleiteten Wahl des gebäude, und von ihm aus werde (laher die Partie ringsum in Beziehung 
Besitzers. Es kann Demjenigen nicht schwer fallen, welcher die Natur zur Ferne so geordnet, dafs man, wenn auch nicht aus jedem Fenster, 
aufmerksam beobachtet und ihre Sprache zur menschlichen Seele ver- lbso doch aus den Zimmern der verschiedenen Fronten eine andere Aus- 
stehen gelernt hat, in jedem gegebenen Falle zu wissen, wie viele ver- sieht oder ein anderes möglichst unterhaltendes Gemälde habe. 
schiedene Partieen, und was für welche in Rücksicht auf die Lokalitat, Der Maler wählt sich bei der Aufnahme einer Landschaft oder 
den Stand und die Gemüthslage des Besitzers möglich, palslich und Scene einen solchen Standpunkt aus, wo  abgesehen von dem Inter- 
Wünschenswerth sein dürften; wir können daher hier die Besprechung esse, urelches das Gemälde von dem Punkte aus sonst noch erregen mag 
gegebener Fälle ganz übergehen und wenden uns zur Erörterung der  das- Auge durch die natürliche Stellung der Objekte gefesselt, oder 
allgemeinen Grundsätze, welche überhaupt bei Anordnung der Partieen es in eine bestimmte der Absicht gemäfse Bahn gelenkt wird; und 
weiter mafsgebend sind. im Falle dieses nicht genügend erreicht werden kann, sucht er in sei- 
Wir haben bereits bemerkt, dal's jede Partie Verschiedenheit oder nem Bilde durch eine entsprechende, mehr oder weniger willkürliche 
Abweichung von der anderen und eine ihrer lüigenthümlichkeit und ihren Behandlung des Vordergrundes diesem Mangel abzuhelfen; er sucht fer- 
Beziehilngen zu den übrigen Partieen angemessene Ausdehnung erfordere. ner durch eine geschickte Beleuchtung das Zerstreute zu sammeln, indem 
Zu beschränkte Ausdehnung und der hiermit verbundene zu schnelle er eine Menge von Gegenständen der Art in Schatten legt und andere, 
Wechsel derselben schadet stets; denn kein Eindruck kann eine volle besonders diejenigen Objekte, welche die Aufmerksamkeit auf sich ziehen 
nachhaltige Wirkung thun, weil ihm alsbald ein anderer folgt und ihn sollen, in vollem Lichte erscheinen läfst; er wird endlich nur diejenigen 
schwächt oder zerstört. Deshalb ist es uöthig durch Zwischenstellung Seenen der Nachahmung werth halten, welche irgend eine bestimmte 
entsprechender Strecken von Pflanzungen zwischen den verschiedenen kräftige Stimmung anzuregen fähig sind. Er wählt, da das Rauhe, 
Partieen diesen Umstand zu vermeiden. Ebenso wird die Wirkung der Schroffe und plötzlich Wechselnde mehr anregt, als das Glatte und in 
Partieen gestört. wenn eine gewisse Abstufung; oder natürliche Folge sanften Linien und allmäligen Wechselungen sich bewegende, hauptsäch- 
nicht eingehalten ist. Wer aus einer Ebene plötzlich, ohne vorher einige lieh Seenen der ersteren Art. Jene vom Maler gesuchte Gattung des 
entsprechende Bodenanschwellurlgen überstiegen zu haben, zu einer nacb- Schönen ist das Pittoreske oder Malerisch-Schöne; diese, worin 
geahmten Alpenpartie gelangte, oder die wildesten Seenen um die Woh- Milde und Sanftheit sich ausdrückt, könnte ihrer Natur nach und zum 
nung, die kultivirteren dagegen in den entlegneren Theilen des Gartens Unterschiede vom Pittoresken das Mild-Schöne oder Rein-Schöne 
fände, würde sicher darüber betroffen sein, und die Dinge wie auf den der Natur genannt werden. 
Kopf gestellt finden. Wie denn einerseits zu grofse Einfachheit im Gan- Der Gartenkünstler hat nicht die eine oder die andere Gattung die- 
zen zu vermeiden ist, so mufs andererseits vor zu grofser Ueberladung ses Schönen ausschliefslich darzustellen, sondern in beiden Richtungen 
gewarnt und auf Einhaltung einer natürlichen Reihenfolge der Seenen sich zu ergehen und er weicht daher, obwohl die Hauptgrundsätze der 
aufmerksam gemacht werden. Es mufs besonders zwischen den verschie- Malerknnst für die Anordnung seiner Seenen beider Gattungen mafs- 
denen Eindrücken, welche die einzelnen Partieen auf uns machen, eine gebend sind. sowohl hierin wie in folgenden Punkten nicht unwesentlich 
Zeit der Ruhe liegen, oder was dasselbe ist, man darf nicht nach dem vom Maler ab: seine Seenen sind für den wirklichen Genufs und nicht 
vollen Eindrücke der einen Partie dem der anderen unmittelbar darauf zur blofsen Anregung der Einbildungskraft bestimmt, und darf er daher 
ausgesetzt werden, sondern in der Regel müssen Nachklänge der ersten, nichts darstellen, was die Vorstellung von Unsicherheit, Aermlichkeit, 
und Vorspiele zur nächsten Partie auf der Strecke zwischen beiden mehr- Gefahr u. s. w. erwecken könnte, er hat bei Einrichtung einer Scene 
fach in einander greifen und einem dem erhaltenen sowohl, wie noch zu zugleich auf den natürlichen Zusammenhang mit den übrigen Seenen 
erwartenden Eindrucke angemessen grofsen Zwischenraum ausfüllen. Zu und dem Ganzen zu rücksichtigen und sie für mehrere Standpunkte 
demselben Endzweok ist es ferner uöthig darauf zu achten, dal's der und die successive Betrachtung für den Umherwandelnden wirksam ein- 
  zurichten, während der Maler die Scene nur für einen nnverrückbaren 
Standpunkt und ohne Rücksicht auf andere Seenen und ein höheres 
an der Stelle. Niagn ptlegtindels nicht. selten in der Nähe des Standpunktes, von dem Ganzes anzuordnen braucht. Diasel, kann daher seine ganze Kraft nach 
man das Rundgemalde gemelst, noch einen zweiten oder dritten lTlll Sitzen versehenen  
Standpunkt. einzurichten, von welchem man einzelne [nach dem Sehwinkel und der Glie- diesem einen Punkte Ooncentrlrelk Während der Gartenkünstler nicht 
derung des Gemäldes abgegrenzte Theile dem anhaltenden Genusse- darbietet. selten aus Rücksicht auf einen zweiten und dritten Standpunkt derselben
        

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