Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der schönen Gartenkunst
Person:
Meyer, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1046907
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4215388
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73 Der englische Garienstyl. 74 
er Wiederholt das, was andere sagten, copirt ganze lange Stücke, wicder- den vorcrwähnten Eigenschaften, anstatt nach landschaftlichen Vegeta- 
holt oft sich selbst und widerspricht sich bisweilen. Gleich der Unord- tiüllscllttrilktßfßll; das Anpflanzen von stets grofsen Massen einerlei Ge- 
nung, welche die Natur an den ncapolitanischen Gestaden zeigt, läfst er hölzes und deren Aneinanderreihung an andere dergleichen Massen, ohne 
aus der Mitte der Verworrenhcit erleuchtende Strahlen schiefsen, sichere sich kaum auf der Verbindungslinie etwas mischen zu dürfen, so wie die 
und fruchtbare Grundsätze, welche den Samen und die Quellen der gröfsten Regel, nie langsam wachsende Gehölze unter schnell wachsende zu stellen, 
Schönheiten und der mächtigsten Wirkungen, welche bald über erhabenen und sie nach ihrer Höhe der Art zu ordnen, dafs kein kleinerer Strauch 
und bald über schönen Gemälden schweben, entdecken. Sein Werk, ob- hinter einen höheren, geschweige denn unter Bäume gerathe, wodurch 
wohl es voll ist von Philosophie, von grofsen Aussichten, von scharf- die Gruppen im Inneren kahl werden mufsten, und nach aufsen selten 
sinnigen, neuen und wahren Bemerkungen über den Menschen, die Natur malerische Formen darboten,  alles dieses, welches in England bereits 
und die Künste, ist viel mehr eine Sammlung von Materialien ein vor- als ganz unzweckmäfsig erkannt und grofsentheils schon vermieden wurde, 
tretfliehes Buch aus ihnen zu machen, als ein vortretfliches Buch selbstß wird in seiner Schrift als Regel hingestellt und ausführlich durch Bei- 
Bis etwa zum Jahre 1777, wo V. Sekell (geb. 1750 zu Nassau- spiele erläutert. Gar Mancher hat sich nach ihm mit diesen Dingen den 
Weilburg, gcst. 1823 zu München) nach einem vierjährigen Aufenthalte Kopf vollgepfroft und sicherlich nicht bessere lrlflektc erzielt als Der- 
in England von dort nach Schwetzingcn zurückkehrte, und hier seinen jenigc, welcher ohne alle Regel pflanzte. 
ersten Versuch in dem englischen Gartenstyle machte, hatte Deutschland Seine praktischen Anweisungen über Absteckung von Wegen, Aus- 
kcinen namhaften ausführenden Gartenkünstler aufzuweisen, und auch grabung von Seen und Bächen,  wobei er bemerkt, dafs Inseln nicht 
v. Sckell erwarb sich erst Ruf durch die Anlegung des englischen Gar- in die Mitte von Bächen und Seen gelegt werden und meist eine läng- 
tens bei München und die [lmänderung des Gartens "bei dem königlichen liche, nach beiden Enden etwas zugespitzte Form haben sollten,  sowie 
Lustsehlosse Nymphenburg vom Jahre 1803 ab, wo ihn der König zum die Ausführung eines Wellenförmigen Bodens, sind dagegen durchaus gut 
intnndniltnn Seinen Gärten ei-nnnnm  und bilden einen anerkennenswerthen Beitrag zur Ausfüllung der hier 
in Seinen tBeiträgen zur bildenden Gartenkunste, welche später cr- noch bestehenden Lücke in der Literatur; dagegen hat sein allgemein 
schienen, empfiehlt er ebenfalls Tempel als geeigneten Gartensclnnuck; befolgter Rath, keine grofsen Bäume anzupllanzen, und alle Plliinzlinge 
aber wohl fühlend, dafs sie in hiesiger Natur nur Fremdlinge und nrüfsige ganz gehörig, z. B. eine Hainbuche von einem Daumen Dicke auf ein 
Dinge seien, wollte er, dal's die Tempel mit solchen Bitumen umplianzt bis zwei Fufs llöhe einzustutzen, den Gärten in den ersten Jahren ihres 
würden, welche nach der Mythe derselben Gottheit geweiht Waren als Bestehens ein trauriges Ansehen gegeben, ohne der Vegetation für die 
der Tempel. Wahrscheinlich ist ihm entgangen, dal's der Graf von Iloditz folgenden Jahre damit wesentlich zu nützen. 
zu Roswald in Schlesien, welcher in seinen anglisirten Anlagen verschie- Dem Fürsten Pückler-Muskau (geb. 1785, gest. 4. Februar 1871 
denc Tempel und Antiquitäten aufgestellt hatte, um den Scencu den zu Branitz) ist das Verdienst zuzuschreiben, in seinen Parkanlagen zu 
Anschein von Wahrheit zu geben, bereits noch weiter gegangen War. Muskau zuerst an das Verpllanzen grofser starker Bäumc Hand angelegt und 
Er liefs, wie uns Watclet berichtet, auf seinen Gütern Pantomilncn vor- den deutschen Gärtnern gezeigt zu haben, dal's das bisher für unmöglich 
stellen, die zu den Scenen seiner Gärten sich schickten: seine Unter- oder doch für sehr riskant gehaltene Versetzen grofser Bäume mit Er- 
thanen, seine Diener, seine Leibeigenen, verwandelten sich, gclehrig oder folg auszuführen sei, ohne den Baum seiner Aeste und malerischen Form 
gezwungen, auf das erste Zeichen in Aegypticr welche Feste feiern, in zu berauben Glgichzeitig wni-dn es in England von Henry gtennid und 
Griechen die mit Spielen sich belustigcn, in Römer, die siegprangcn; aber George Grcenwood versucht, welche ihr Verfahren in besonderen Schriften 
welche Griechen, welche Römer, welche Sicggraprängel  Wenn der veröffentlichten. In dem Verpilanzen grofser Bäume hat die Gartcnkunst 
Graf auch selbst nichts anderes, als einige unschuldige Späfse getrieben ein Mittel erhalten, nicht nni- von vornherein den Pflanzungen gföfsgfg 
haben sollte: er hat durch diese Pantomimcn den gröfsten Thcil der 1151m und inein- Abwnniisninng, Snwin den Anlagen nberiinnnt ein Schein- 
Tcmpelliebhaber zum Nachdenken veraulafst. bar höheres Alter und zugleich eine bestimmte malerische Wirkung zu 
v. Sekelfs Vorschriften über die Zusammenstellung von Gehölzen nach vni-iniiinn, snndni-n es ist dieses nncn Znginicn ein Mitte}, einen bnstinini- 
der Aehnlichkeit der Blattform und dem Habitus überhaupt haben für ten Effekt und die malerische Ilaltung rücksiehtlich der Höhen für viele 
111m ersten Auäßnblißk UiJWaS Bestcclllißlleß, indem ES SCllCiIlt, als 0b div Jahre im Wesentlichen festzuhalten, weil starke Bäume innerhalb einiger 
durch Einheit und Harmonie in der Zusammenstellung leicht erreicht würde. Jahre wenig an Form und Ausdehnung sich ändern und gegen die jüngeren 
Es entstehen aber nicht Einheit und Harmonie, sondern Einerleiheit, ein Pflanzungen einen weiten Vorsprung behalten. 
Schematismus, WUlCllßl' (lCT Nälllllf lllld jOGODI SCllÜlltHl ffßllld   Ein fggfngi-(gg gygfsgs Vgyaignst um dig Föl-dgyung und Ausbildung 
Naturphysiognomik wird gänzlich auf die Seite gestellt, und es entsteht das eilglisclien oder natürlichen Gartenstyles hat sich der Fürst durch 
eine künstliche Physiognomie, eine Gesellschaft V01! Pflanzen, die lTl lllfllll die Ausführung seiner musterhaften Parkanlagen zu Muskgu, Sgwig durch 
einzelnen Gliedern nicht ilach ihren einander sich ergänzenden charak- seine, mit vielen sehr instructiven Zeichnungen erläuterte Schrift sAndeu- 
teristischen Unterschieden und Gegensätzen zu einem harmoniseheil Ganzen tungon über Landschaftsgärtnerei. Stuttgart 1834m erworben. Die Schrift 
wie in der Natur sich sucht oder sich zusammenlindct, sondern die ledig- zeigt, dal's ihm nichts Wichtiges über den Gegenstand aus der englischen 
lich nach Rock und Kragen zusammengczwungeil ist, und in welcher das und französischen Literatur entgangen ist, dafs er viel und richtig gesehen, 
Charakteristische des Einzelnen vollkommen aufgehoben erscheint. Er und selbst viel und selbstständig geschatlbn hat. 
will nemlich, dafs in der Regel zu einer Gruppe oder zu einem Theile Die in England bestehende Abzweigung des Pleasuregrounds vom 
einer Pflanzung zusammengestellt werden diejenigen läaumartcn, welche Park hatte sich bis dahin in Deutschland noch nicht Eingang verschafft, 
sich mit ausgedehntem kräftigen Aeste- und Kronenbau darstellen und in weil die praktische Veranlassung zu einer besonderen Umwährung der 
ihren Formen einige Aehnlichkeit haben; sodann Wieder die, welche sich Partie unmittelbar um die Wohnung hier nicht vorhanden war; der Fürst 
pyramidalisch und leicht erheben; dann wieder solche mit schwachen und weiset jedoch nach, dal's eine Umwährung des Pleasuregrounds, abgesehen 
beweglichen Kronen; hierauf wieder solche, welche in der Form der davon, dal's unwillkommene Besucher in geziemender Entfernung vom 
Blätter Aehnlichkeit zeigen, hicr z. B. gefiedertblättrige, dort solche mit Wohnhause dadurch zurückgehalten werden, schon aus ästhetischen Grün- 
lappigen oder buchtigen Blättern versehene u. s. W. Damit nun aber, den zu empfehlen sei, und führte diese Scheidung in seinen Parkanlagen 
wie er selber sagt, die Pflanzung adem Wanderer nicht die gröfste Langc- zu Muskau als nachahmungswcrthcs Beispiel durch. Er ist, was die Be- 
weile verursache, weil er bei der Ansicht eines Eschenbaumes schon zum stimmung und Natur des Parkes anlangt, mit Repton gleicher Meinung, 
Voraus seine Gesellschaft, die des Akacienbaumcs, des eschenblättrigen dal's nemlich der Park wohl Natur, aber auch zum Gebrauch und Ver- 
Ahorns oder anderer gefiedertblättriger Baumartcn (errathen könnten, so gnügen des Menschen eingerichtete Natur darstellen soll. Demnach hält 
räth er an, hin und Wieder einige Abweichungen und Zusammenstellungen er es, abweichend von dem Begriffe eines englischen Parkes, nicht blos 
vom Gegentheil der Regel einzuschicben.  (icrardin hat das Richtige für zulässig, sondern auch für erwünscht, wenn die Hincinziehung eines 
im Punkte der Zusammensetzung; der Gichölzm: in wenigen Worten ange- Vorwerkes, einer Mühle oder Fabrik, in den Park zu ermöglichen sei, Wo- 
deutet, Während v. Sckelfs Vorschriften durchaus vrerfehlt sind, und durch ein solcher an Abwechselung und Belebung nur gewinnen könne. Dafs 
mehr geschadet als gcnützt haben. dergleichen Parks oder Parkanlztgen wenigstens den hiesigen Verhältnissen 
Das Ordnen der Gehölze nach dem Colorit des Laubes und nach und Auffassungen mehr entsprechen, als die englischen Parks, welche der-
        

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