Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der schönen Gartenkunst
Person:
Meyer, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1046907
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4215177
Der französische Gartenstyl. 
Motive zu den bei Lenötre neu auftretenden Sternalleen, Kanälen, ellip- 
tischen Treppenaufgängen und eigenthümlichen Lineamenten der Bassins 
und der Caseaden enthalten, auch aufserordentlieh viel Heckenwerk be- 
sitzen, spricht dafür, dal's Lenötre aus italienischen Vorbildern geschöpft 
hat. Er verarbeitete nur die Formen mehr i1n französischen Renaissance- 
nnd Ruccocustyl, und hat durch Beseitigung alles Kleinlichen, wie durch 
ausgedehnte Gröfsenverhältnisse, seinen Werken den Stempel der Grofs- 
artigkeit aufgedrückt. 
Er fand aufserordentlieh viel Abgesehmacktheiten in den französischen 
Gärten vor, welche zu beseitigen waren, denn Frankreich hatte alle Ver- 
irrungen der italienischen Gartenkunst aufgenommen und zum Theil noch 
gesteigert. Es war daher auch 
der französische Gartenstyl 
und der Zustand der französischen Gärten um die Mitte des 17. Jahr- Bühne so eingerichtet war, dafs aus leichten Brettern geschnittene Fi- 
hunderts dem Italiens sehr ähnlich; die Gärten waren mit Gegenständen guren, die von darunter stehenden Personen regiert wurden, sich darauf 
überfüllt, welche dem Besucher von den witzigen und launenhaften Ein- bewegten, und die Personen statt ihrer sprachen und sangen.  
fällen des Besitzers Kenntnifs geben und Ueberraschung und Verwunderung Nicht viel besser war es mit der Architektur bestellt. Nachdem 
abnöthigen sollten. Von einer nach ästhetischen Grundsätzen geschehenen die italienische Baukunst bereits im Anfange des 16. Jahrhunderts ihren 
Anordnung war nirgends etwas zu entdecken. Einflufs auf Frankreich geltend gemacht, und italienische Architektenit) 
In dieser Rücksicht giebt uns Evelyn, welcher den Garten der Tui- in der Ausbildung der französischen Renaissance thätig gewesen, bildete 
lerien, St. Germain, Cardinal Richelielrs Villa zu Ruell, die Gärten des sich unter Heinrich IV. und Ludwig XIII. in der zweiten Hälfte des 
Luxembourg, den Palast des Grafen Liancourt u. m. a. im Jahre 1644 16. und Ende des 17. Jahrhunderts der französische Baroque- und Roccoco- 
besuchte, sehr schatzbare Notizen. nDer Garten der Tuilerien  bemerkt stylit) aus in welchem die inneren und äufseren Gesetze der architektoni- 
er  ist vortrefflich für Einsamkeit, Schatten und Geselligkeit angelegt, sehen Formen ganz unberücksichtigt zu sein scheinen, und allerhand 
wegen seiner Haine und grofsen Baume, besonders derjenigen in der Mitte, Willkürlichkeiten in deren Behandlung vorkommen. Hohe Dächer, thurm- 
der Ulmen und Maulbeeren. Es ist hier ein Labyrinth von Cypressen, artige Schornsteine, eine gewisse Selbstständigkeit und Unabhängigkeit des 
Granathecken, Spüngbrunnen, Fischweihern und einem Vogelhause. Ein Ornarnentes in dem Vorwalten und der Formbildung desselben gegen den 
künstliches Echo wiederholt die Worte deutlich, nie fehlt es an einer architektonischen Organismus des Ganzen, gekrümmte Linien im Grund- 
schönen singenden Nymphe dasclbst. Steht man auf der rechten Stelle risse und in der Ansicht, Schnörkel, Muscheln, Blumen- und Frucht- 
unter einem Baume, so meint man die Stimme stiege aus den Wolken gewinde, verkröpfte Säulen, Pilaster und Gesimse, letztere auch vielfach 
herab; auf einer andern scheint sie aus der Erde hervorzutönen. In einer unterbrochen, bilden das Wesen dieser Bauart, deren ornamentale Elemente 
andern Abtheilung des Gartens sind eine unvergleichliche Orangerie, kiinst- mit den entsprechenden Modifikationen auch auf die Gartenpartieen über- 
liche Sträucher und seltene Früchte, gleich als wäre man im Paradies. a  tragen wurden. 
Hohe beschnittene Hainbuchenhecken  Alleen und Schirme von Durch die von Lenötre für den prachtliebenden König Ludwig XIV. 
künstlich beschnit- (in den Jahren 
tenen Bäumen ge"    1654 bis 1700) 
bildet  nach l       ausgeführten Gär- 
Grotten führende  PTT  ten war der An- 
Kanäle in den     K,  i.   P17-  stofs zur Reform 
Alleen  Casca-         p V      der geometrischen 
den, die aus einer                  im   } Gartenkunst nicht 
(Motte oder Mw  ß i'll  "i      nur in Frankreidh 
schel sich herab-      1 Sondern auch in 
wurde "'"1Gr'm      "manche" EIIIOPa 
luassen schnei-  gegeben. Lenötres 
dende Statuen   9 erstes bemerkens- 
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setzte Felseniuseln a.  H;    ' der Garten des 
in regelmäfsigen   .7 w: "l  Finanzministers 
Teichen  Wasser lt M" Miätqtiiinutttuttntti[lmmmmmtl .114  illllll" ilmwli"  Fouquet zu Vaux 
speiende Unge-    M 3;?   welcher mit seinen 
heuer in Grotten      Verzierungen dem 
        
und Beim  ge-    beuge S0 übriges 
räumige Galerien   gefiel, saß, el-Le- 
mit Grotten und Fig_ i; nötre zum Auf- 
Felsenstücken un- seher seiner Gär- 
ter den Terrassen, auf welche allerhand theatralische, zum Theil durch ten und zum General-Üontroleur seiner Gebäude machte und ihn mit Ge- 
Wasser in Bewegung gesetzte Figuren gemalt oder darauf angebracht schenken und Ehrenbezreigungen überhäufte. Der vordere Thcil dieses 
waren, wie z. B. Orpheus mit der Musik und den Thieren, welche nach Gartens ist in der Skizze Fig. (3 hier dargestellt. 
seiner Harfe tanzen  sogenannte Irrgärten, die der Ilnkundige nach In den von Lenötre entworfenen und den nach seinen Vorbildern 
dem ersten Besuche nie wieder betreten mogte  Bänke, die in dem angelegten Gärten blieben jene albernen Spielereien fort und ging das 
Augenblick zu zerbrechen drohten, wo man sich kaum darauf gesetzt, Bestreben vorzüglich dahin, vom Schlosse aus durch grofsartigci streng 
oder wo der sich Sctzende von einem jänimerlirelien Katzengeschrci auf- architektonische Prospekte zu wirken, während die Alleen wie Galerieen, 
geschreckt, oder von einer Menge von Wasser-strahlen über und über und die einzelnen von hohen beschnittenen Buchenhecken (Wänden) 
benäfst wurde  und dergleichen Dinge mehr waren die Bestandtheile  
und Ergötzlichkeiten des Gartens. In dem Garten des Cardinals Richelieu g     U10 b_ VHS J   
befanden sich sogar unter den Vexirwassern Musketiere. die den Vor- nehme. t iormglmh P'e"e Lesmt i-  ß N L ean Bnkam "nd phmbe" 
übergehenden mit Wasser beschossen" und in dem Garten das Grafen w) Die Ausbildung des Roecorostyles wurde besonders beeintlnfst durch die 
Liancourt war ein Theater mit Scenenveränderung angebracht, wo die Architekten Frauoesno Rnrmmini und Lorenzo Berniili.
        

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