Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Architektur des hamburgischen Geschäftshauses
Person:
Bröcker, Paul Höger, Fritz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1046894
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4217866
 F  as Bedürfnis nach Schaufensterfläche wächst im Detailhandel fortwährend. Bekannt sind 
,z  die lJadenausbauten, wie man sie beispielsweise am Semperhause sieht, die eigentlich 
 - ein althamburgisches Motiv wieder aufnehmen.  Eine große Hilfe bei der Befriedigung 
dieses Verlangens leistete der Technik das Eisen. Zuerst wurden die massiven Mauerpfeiler 
der Fronten durch dünne Eisensaulen abgelöst, die in der 6lasflucht der Schaufenster stehen 
und diese nur wenig unterbrechen. fluch das genügte nicht mehr. Der kechniker war nur 
zu bereit, dem Wunsche des cadenbesit7ers zuliebe die lIfeiler im innern zu umkleiden; der 
6laser packte Spiegelglas herum, und der cadeninhaber, dem die iirchitektur des Hauses selbst- 
verständlich auch ,,schnuppe" war, hängte seine Strümpfe und Spitzen daran.  Die best- 
gemeinte lirchitektur aber wird zunichte, sobald die sichtbaren  tragenden teile verdunkelt 
werden; welch ein Widerünn ist es doch, ein großes Bauwerk wie das moderne 6eschafts- 
haus mit zimperlichen Dingen wie Manufakturwaren, Eßwaren usw. gerade an seinen tragenden 
Konstruktionsteilen zu behangen. 
Der Einwand jedoch, daß das öeschaft unter der i1rchitektur nicht leiden dürfe, ist durch- 
aus berechtigt. Der Zweck ist die Hauptsache, und die Technik hat die hufgabe, dies möglich 
zu machen. Der dann zustande kommende selbstverständliche l-lusdruck durch die Konstruktion 
ist ohne weiteres flrchitektur, einerlei, ob sie uns ungewohnt ist oder nicht.  in der tat ist 
die Technik dahin gelangt, daß sie dem Bedürfnis nach viel Schaufenster im höchsten 6rade zu 
genügen vermag. Sie kann fast die ganze l-ront des Hauses von einem Ende zum andern und von 
oben bis unten Schaufenster werden lassen, und zwar in so großer ununterbrochener Fläche, 
als das 6las selber es zuläßt. Das technische Mittel dafür liefert wieder das Eisen, es ift die 
kIUskragung.  Das Wort ist fast jedem Hamburger geläufig. Er kennt es von unsern 
k""achwerkbauten her, bei denen vielfach jedes obere Stockwerk das untere überragt, so daß 
das ganze Haus sich vornüber zu beugen scheint. Man nennt das Vorkragen. 
Die kechnik hat es nämlich fertig gebracht, die tragenden Senkrechten der i-ronten bis 
hinter die Schaufensterauslage zurückzurücken. 0berhalb der cadengeschosse tragen dann weit 
auskragende Träger den oberen teil der I-assade. Hierdurch hat der cadeninhaber seinen 
Wunsch befriedigt. Seine großen cadenscheiben gehen in einem von unten nach oben und 
von einem Hausende zum andern durch, nur unterbrochen von eisernen Stielen und Riegeln, 
an denen die Scheiben befestigt sein müssen. Was also im Bereich der cadengeschosse als 
Eisen sichtbar ist, hat mit der tragenden Konstruktion nichts zu tun, sondern hält nur die 
Scheiben in ihrer Umrahmung (l1bbildung l3).  
l"iichtbefriedigt aber sind anscheinend die meisten Hrchitekturfreunde und viele gewissen- 
hafte l1rchitekten. nun fehlt ihnen ja jeglicher Fuß für den ganzen l-assadenaufbau. Scheint 
er doch auf der zerbrechlichen Spiegelscheibe zu ruhen. Wir sind es eben gewöh11k- MS 
1"ragende am Bauwerk zu sehen, und bisher beruhte  so meinen wir wenigstens F- unsre 
Vorstellung von lirchitektur darauf, daß man das Zusammenwirken der Konstruktionsteile 
sehen konnte und dadurch einen gefühlsmäßigen Eindruck empfing.  
ist es aber notwendig, daß man das 1"ragende unmittelbar sehe? Genügt es' nicht auch- 
wenn es nun einmal von konstruktionswegen unsichtbar ist, daß man es spüre, indem man 
seine Wirkung sieht? Das Haus steht ja doch, wenn auch für unser kluge mit ungewoht1tel1 
Mitteln, und damit sollte unser Eefühl sich absinden.  
Allerdings ist dann ein teilweises Umdenken unserer bisherigen Vorstellung von l-lrchitekt.ur 
nötig, und ein vollständiges Umlernen unseres architektonischen Eefuhls.  Es.verhEli W) 
mit der Konstruktionswirkung genau wie mit der Materialwirkung auf dem 6ebiete der an- 
gewandten Kunst. Das Material soll mit feinem Wesen zur Eeltung kommen; das h7li?k II?2I" 
nicht, daß es dies unmittelbar soll. Die l"iatur belegt Bronze und Kupfer mit Patina, den 
Stein mit Moos; wir tragen Farbe auf das Holz. Elle Materialien werden unsichtbar,  
aber nicht unfpürbar. Wir sehen die Wirkung in der Struktur des Werke-s. jedes Mater1a 
hat seine l-ormungsmöglichkeiten, seine Verarbeitungsmöglichkeiten in Rücksicht auf einen 
bestimmten Zweck; man vergleiche die bedeutsamen Untersuchungen von Friedrich c pF:SMt: 
seiner ,,kIsthetik", wo er dies 6ebiet ausführlich und scharfsinnig behandelt. So aucl1II11;n M 
Konstruktion; notwendig ist nur, daß sie richtig ist, in sich so straff, frei von allein übet'fI es ger- 
Material und überflüsslgen Teilen ist, wie der Standpunkt unseres technisCl1TI1 KOU"TI?m teile 
laubt, und ganz besonders ist das nötig beim Eisenstil. 6erade wo die hauptt;,ögfUS wirken 
unsichtbar werden, ist es nötig, daß das Wesen der Konstruktion durch iht' ! ;ShTeWMmfe 
einen auch ohne die vermittelnde Hilfe des Sehorgans deutlich ll1ürbaren l1usdru  
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