Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Leben Michelangelos
Person:
Grimm, Herman Michelangelo
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1040321
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3977104
Auf den großen Bildern, die eins neben dem andern die Mitte der Wölbung einnehmen: 
die Darstellung Psi3ihe7g in1 Kreise der Götter und ihre Vermählung. Es sind volle, fjgurenreiihe 
Compositionen, ani schönsten die letztere, wo mir die Götter und Göttinnen alle um den goldnen, 
auf zartvioletten Wolken ruhenden Tisch zum Hoihzeitsn1ahle gelagert sehen. Wenn irgend 
etwas ein Spiegelhild der Zeit bietet, in der diese Werke entstanden, so sind sie es. Die ganze 
hetdnisihe Praiht des damaligen Daseins drücken sie aus, den Sthluß der iippigen Wieder. 
geburt des alten Römers und Griechenthums in Rom, das naih diesen Tagen allmälig wieder in 
Verfall gerieth. 
Ich habe die Gemäldefolge so genau beschrieben, weil sie am wenigsten bekannt ist 1Ind 
1veil sie Raphaelts Talent bewundern läßt fiir die Wahl der Momente, in denen geistig der Ums 
schwang des 2liärchens liegt. Doch wir ge1vinnen noch ein anderes Resultat. Wie Homer in der 
Jlias nicht die Eroberung Trojas, sondern den Zorn des Achilles besang, so n1alte Raphael nicht 
die Leiden der Psi3che, sondern den Zorn der Venus. Steht das aber fest, so wird es fast zu 
einer 2lothivendigkejt, sein beriihmtes, unter dem Namen Galatea bekanntes Wandgemälde im 
Zimmer nebenan nicht als eine Darstellung dieser 2lijmphe, sondern als den Zug der Venus über 
den Ocean aufzufassen, wie er zu Anfang des 21lärchens von der Psi;che bei Apulejus genau 
beschrieben steht. Dieses Bild eröffnet das Ganze 11nd gehört so nothwendig dazu, als die legten 
großen Gemälde in der Mitte der Decke, die den Abschluß bilden. Auch begreift sich nun, warum 
diese Darstellung von Raphael in friiheren Jahren zuerst gemalt und das folgende, das längst 
versprochen und immer aufgeschoben war, in späteren Zeiten dazu gesetzt wurde. 
Noch eines bestimmte mich, so ganz abgehend von Michelangelo ein Werk Raphaells hier 
völlig auszubreiten. Kein anderes legt in solchem Grade Zeugnis; ab von der glücklichen Stimmung 
jener Tage. Chigiis Garteuhaus war der Schauplatz vo1iFe1llidJkeitcs1I, denen der Papst beiwohnte, 
nach deren Schluß die goldnen Schüsseln, von denen man gespeist, in die Tiber geschleudert wurden, 
Schiisseln, zu denen vielleicht auch Raphael die ,;Zeichnrmgen geliefert. Chigi, dem die Juwelen der 
päpßlichen Krone versetzt worden waren, der alle Riinüler beschiitzte, dessen Haus die Dichter bei 
sangen, und der von einem sienischen Kaufmann zu einem der ersten römischen Adligen emporstieg. 
Wir haben, wenn wir der damaligen Zeiten gedenken, zu sehr die innere ,fäulniß im Sinne. Schon 
um Raphaells willen n1iissen wir anders urtheilen. Was Raphael gedacht und wie er gehandelt, 
wissen wir nicht. Die iiberlieferten s,Zeugnjsse geben nur Aeuszerlichkeiten. Aber daß er mitten in 
der Gesellsihaft Leols drinsteckend all die herrlichen Werke schuf, deren Adel und Reinheit uns noch 
im frischesten Glanze vor Augen steht, lässt sich nicht leugnen, und das; er, obgleich die Quelle 
seiner Kunst nur in seinem Herzen lag, dennoch un1nöglich dem Einfluss dessen, was seine tägliche 
Gewohnheit war, sich entziehen konnte, wird Niemand annehmen. Was aber war es, was die 
römische Gesellschaft unter Giulio und Leo so fruchtbar für die Geister gemacht hat:7 
Es sind drei Mächte stets, welche die Welt regieren: Geld, Geist und Gewalt. Diese feinden 
sich an unter einander. Steht ihr Einfluß auf die Geschicke eines Volkes aber in solchem Verhältniß 
zu einander, das; keine die andere liberbietet, dann offenbart sich die Blüthe eines Volkes. Man 
könnte sie auch benennen: Energie, Genie und Geburt, oder Erwerbende Kraft, Wissenschaft und 
Adel: es sind in1n1er die drei Zeichen, durch die das Schicksal Mensihen erhöht, indem es sie reich 
macht, ihnen iiberragende Seelenkräfte, oder eine erhabene Stellung durch die Geburt verleiht. 
Immer wo einer dieser drei Titel mehr gilt als der andere, kränkt die freie Entfaltung eines Volkes, 
weil sie den richtigen Schwerpunkt verloren hat.
        

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