Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Leben Michelangelos
Person:
Grimm, Herman Michelangelo
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1040321
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3975114
Apoftclstatucn 
Was diesem Werke noih ein besonderes Interesse verleiht, ist der Umstand, das; die Malerei 
und auih die Auffassung an einigen Theilen lebhaft an Signorelli erinnert. Und nun findet sieh, 
das; zu der Zeit gerade, wo Miihelangelo aus Rom nach Florenz zurückkehrte, Luca Signorelli im 
Dome zu Orvieto die Wandgemälde sihnf, auf denen heute sein Ruhm ziimeift beruht. Orvieto 
liegt so sicher an der Straße von Rom nach Florenz, das;  nicht umgangen werden kann: der 
Weg fiihrt durch das Städtchen, und Michelangelo, den wir später als alten Bekannten Signorellils 
wiederfinden, kann ihn dort bei der Arbeit getroffen haben. Diese Malerei muss Eindruck auf ihn 
gemacht haben: wir würden das sogar annehmen, auch wenn wir keinen Beweis dafür hatten. 
Michelangelols Heilige J7amilie aber liefert ihn in bester ,form. Und niiht diese allein: noch ein 
zweites Gemälde, freilich ein elend verdorbenes, i1nfertiges Stück, wird heute Michelangelo Zuges 
schrieben, das in jener Zeit entßanden sein kann und das eine noch größere Verwandtschaft mit 
Signorelli bekundet. Es ist eine Grablegung, in Besitz der englischen 21ationalgalerie. Die am 
besten erhaltene Figur, die eines Mannes, welcher den Leichnam Christi in das Grab heruntertragen 
hilft, ist eine bewunderungswiirdige Gestalt. Ueber die Farbe kann iih niihts sagen, da mir das 
Werk nur aus einer Photographie bekannt ist. 
Die Composition weist sihon deshalb auf Michelangelo hin, weil hier ein Versuch vorliegt, 
bei einer Scene des Neuen Testamentes die typische Darstellung zu ignoriren und von fremder 
Seite her etwas Neues zu geben. Das Motiv, den Leichnam Christi in schwebender Stellung 
tragen zu lassen, war unerhört in der Kunst bis dahin 11nd ist es auch in der ,folge geblieben. 
Wie heidnisih im tiefsten Herzen, was die Vermisihung des rein ,forn1alen anlangt, 2liiihelangelois 
Jahrhundert war, tritt hier in fast abschreikender Weise hervor. Das von ihm in dieser Grablegung 
ausgebeutete Motiv nämlich ist einer Composition 2liantegnais entnon1men worden: einem Bacihanale, 
wo wir einen trunkenen Silen von zwei ,faunen fast in derselben Weise fortgesihlevpt sehen. 
Wir wissen, wie tief religids Michelangelo dachte und fühlte. Wenn er deshalb unbefangen 
hier Mq11tegp1a lse1mtzte, so liefert das eben nur den Beweis dafür, wie sehr kirchliihes 11Iid heids 
nisehes i2llterthum damals zusammenAossen und wie wenig man, wo es sieh u1n Kunstformen handelte, 
auf den Inhalt aihtete, an dem sie zur Erseheinnng kamen. Nicht anders ist  zu erklären, wenn 
Raphael später dieselben liindergestalten hier als Engel mit einer Maria und dort als 2lmoren bei 
crsdJcj11c1I 
Das; solche Arbeiten neben 21iithelangelols großen Schopfungen zur Entstehung kamen, darf 
nieht Wunder nehmen bei seinem Fleisze. Er war in unablässiger Thätigkeit. Ei11e ganz andere 
Aufgabe als diese einzelnen Werke boten, wurde ihm in der Bestellung von zwölf Statuen der 
Apostel zu Theil. jeder vier und eine Viertel Elle both, über welihe dieselben Eonst1ln der Wollens 
weber3unft, für die Michelangelo den David arbeitete, im J3riihling l50.3 einen Eontract mit ihm 
absihlossen. Ein Jahr gerade vor Vollendung des David. Die Leute kannten ihn jetzt einigermaßen 
und ersanden ein geniales Mittel, ihn 3uverlassjg zu cnathen. Alle Jahre sollte ein Apostel ab; 
geliefert werde11. Miihelangelo würde auf Kosten der Besteller nach Earrara gehen u11d die Blocke 
ausivählen. Der Preis bliebe dem Gutdiinken überlassen. Dagegen ginge mit jeder Statuts ein 
;Zwolftel des Eigenthums an einem Hause auf Michelangelo über, das der Kirchenvorstand nach 
seinen Vorsihlagen als Werkstätte eigens fiir ihn erbauen ließ, so daß es mit der Ablieferung des 
letzten Apostels völlig in seinen Besitz gelangte. Dies war gewiss lockend, und trotzdem kaut nichts 
zu Stande als der Apostel Matthaus in den grobsten Umrissen, der heute im Hofe der t2lkademie 
von J7lorenz steht.
        

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