Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Leben Michelangelos
Person:
Grimm, Herman Michelangelo
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1040321
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3974254
Savonacola. 
die ruhige Ueberlegung eines Geistes redet, der völlig mit sich selber im Reinen ist. Er belehrt 
seinen Vater n1ehr, als daß er siih entschuldigt. Er fordert ihn auf, feine Mutter zu trösten und 
für die Erziehung der Brüder zu sorgen. 
Savonar0lals leitende Idee war die Lehre vom Strafgerichte, das unverzüglich über das 
verderbte Italien hereinbreihen werde, um dann aber um so höhere Blüthe des Vaterlandes eins 
treten zu lassen. Die Welt schien ihm der Katastrophe mit großen Sihritten entgegenzueilen. 
Savonarola sah die heidnisihe Wirthschaft alliiberall, den Papst und die Cardinale tonangebend 
an der Spitze. Die Strafe dieser Gräuel konnte nicht langer auf sich warten lassen, das Maß 
war voll. So dachte er. Und wohin er blickte, bestätigte das was geschah dies Gefühl, das in 
seinem Herzen narh Worten fnihte. 
Es ist wahr, der moralische Zustand des Landes erscheint unerträgliih für unser Urtheil. 
Die Verschwörung der Pazzi steht sticht etwa als ein besonderer ,fall hervorragend da, sondern 
stach diesem Muster waren alle die Dinge geformt, die vorfielen. Kein bedeutender Mann damals, 
dessen Tod nicht zu dem Geriichte einer Vergiftung Anlaß gab. Matt lese die Geschichtsschreiber 
darauf hin, unwillkiirlich wird immer diese Ursache als die erste und natiirlichste vorausgesetzt, an 
die man denkt. Unehelichen Kindern, mochte die Mutter ein Madihen oder eine Frau sein, klebte kein 
Makel an, kaum das; ein Unterschied zwischen ihnen und legitimen O2lbkommen gemaiht wurde. Das 
ist eine der Beobachtungen, die Commines der Ilufzeichnung 1verth hielt, als er sich iiber Italien aus; 
sprach. Betrug erwartete man iiberaIl, und nur der Betriiger ward verachtet, der sich selber iiberlisten 
ließ. Feigheit war nur,dann ein Verbrechen, wenn sie, mit zu wenig Hinterlist gepaart, das Ziel 
verfehlte. Klug wurde der genannt, der auch der treuher3igsten Versiiherung keinen Glauben schenkte. 
Was wir in 1mserem Sinne Siham vor dem Urtheil der öffentlithen Meinung nennen, gab 
es noch nicht. Ein Beispiel möge zeigen, wie man lebte und dachte. Jilippo Lippi, der beste 
Srhiiler Masarcio7s, war ein Carmelitertnönch, der wie viele andere Mönche die Malerei betrieb 
und selten Geld im Hause hatte. Seines unordentliihen Wa11dels wegen allgemein bekannt, erhält 
er nichtsdeIiotveniger den i2luftrag, in einem Nonnenkloster die heilige Margherita an die Wand zu 
malen. Er bittet um ein Modell, die Nonnen geben dazu eine reizende Novi5e, Lucretia Buti mit 
Namen. Eines schönen Tages ist er fort mit ihr. Die Eltern des Mädchens schlagen Larn1; 
Lucretia wird aufgefunden, erklärt aber, daß sie 1mter keiner Bedingung ,ftlippo verlassen werde. 
Nun niacht der Papst Eugen selbst dem Künstler den Vorschlag, er wolle ihn seines Mönihss 
geliibdes entbinden, damit er Lurretia wenigstens heirathen könne. Davon aber will Jililipoi1idJts 
hören, und dabei blieb  Und dieser ,fIlippo, der später von den Verwandten einer anderen 
,frau, welcher er nathstelIte, vergiftet wurde, ist ein Meister, der Madonnen mit dem Ausdrutke der 
zartesten Unschuld gemalt hat. Während er jedoch in seinen Werken die innerste, bessere Natur 
herauskehrte, nahmen andere Geistliche auch nitht einmal diese Riicksicht. Geweihte Priester, Bisihöfe 
und Eardinäle dichten Verse und bekennen sich öffentlich als ihre Autoren, gegen deren Inhalt 
Ovidis 2lmoren Kinderlieder sind. Und im Sihoosze der J1111tilicst1 Pfropfen sith Verbrechen auf 
Verbrechen, die ebensowenig das Licht des Tages scheuen; die Lehren der Religion sind verspottet 
und erniedrigt, t2lstrologie und Wahrsagerei hergebrathte offi3ielle Einrichtungen ohne deren Zug 
stin1niung die Päpste selber nicht zu handeln wagen,  man begreift wohl, wie da das Gefiihl 
sieh finden konnte, das; das Ende aller Dinge gekommen sei. 
Savonarola aber wurde durch dies Gefiihl, das mit ruheloser Macht in ihm arbeitete, nicht 
zur Verzweiflung an der Mögliihkeit des Heils getrieben, sondern er wollte verkündest was er
        

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