Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das deutsche Zimmer der Renaissance
Person:
Hirth, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1021028
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4007595
ENTWICKELUNG 
FORMEN. 
puritaltifchen Geifte der Revolution ein um fo entfchiedenerer Rückfall in den falfchen Klaffizismus 
geltend. Hatte man bis dahin wenigftens die zarten Farbentöne des Rococo an den Wänden 
vielfach beibehalten, fo ward nun die nüchternfte nWeifsheita zum Gefetz erhoben, und wo ja 
noch der Glanz des Goldes beliebt ward, da trat er in langweiliger Breite, unfchön und roh auf. 
Wollen wir uns den Empirc- oder Napoleonßzl in feiner ganzen Herzlosigkeit vorftellen, fo denken 
wir an jene fchrecklichen Standuhren mit Alabaiterfäulen, über denen frch ein friesartiger Auffatz 
aus dünnem Meffingblech mit traurigen Mufen erhebt. 
Dem ßiZopfeu folgten durch zwei Menfchenalter unferes Jahrhunderts hindurch die wunder- 
lichften, oft fehr wohlgemeinten, aber meiftens geiit- und herzlofen Verfuche, gewiffe hiitorifche 
Stile alter Zeiten in's Leben zurückzurufen. Das Griechenthum, die Gothik, die franzöfifchen 
Königsitile u. a. wurden wieder hervorgefucht und mit unglaublichem Leichtfinn, welcher freilich 
dem niedrigen Anfehen des Dekorationswefens angemeffen war, in Szene gefetzt. Alles verkehrt, 
unverftanden, ungenügend  nzopfiga im weiteren Sinne des Wortes; Bemühungen, vergleichbar 
einem Tanz ohne Mufik, einer Sprache ohne geordnete Satzbildung. Kein Wunder, dafs unferem 
heutigen tieferen Gefühle und klareren Urtheile in diefen Dingen die gothifirenden Klaviere und 
Chaifelongues, die ä la Louis XV. gefchweiften Spiegelrahmen, Stuhl- und Tifchbeine u. f. w. als 
widerliche Karikaturen erfcheinen. Auch die Reaktion gegen alle diefe ftilhiftorifchen Verfündig- 
ungen: ein von der nhohena Kunft auf die Dekoration ausgedehnter roher Naturalismus, konnte 
nur die urtheilslofe MaITe befriedigen, und wenn auch diefe letzte Umwälzung noch immer weite 
Kreife in der alten und neuen Welt zieht, fo exiftirt hier wie dort doch fchon eine kleine begeiiterte 
Gemeinde, welche das Alte gewiifenhaft achtet, die hiftorifchen Stile einen jeden in feinem Kultur- 
zufammenhang zu erfaffen und eines jeden Seele zu ergründen {trebt und eben dadurch neben 
gediegenen Imitationen die Bildung auch eines felbftftändigen kunfterfüllten Gefchmackes ermög- 
licht  der (zueiien Rrnazßance am Ausgange des 19. jahrhunderts! 
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