Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das deutsche Zimmer der Renaissance
Person:
Hirth, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1021028
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4007576
ENTWICKELUNG 
DER 
FORMEN. 
Der Rococoßil (etwa 1720-1760) mit feinem von allem Früheren abweichenden Farbenfpiel 
(vgl. oben S. 62 ff.) verdankt feine Entffehung der Verfeinerung der ornamentalen Details. Man 
fafst die Bedeutung diefes Stiles doch allzu kleinlich auf, wenn man ihn lediglich den zierlichen 
Arbeiten der Meifsener Porzellanfabrik zufchreibt. Die gförmigen mufchelartigen Ornamente haben 
hier um 1740 wohl ihre vollendetfte Durchbildung erfahren, aber die Entftehung des ganzen Stiles 
ift doch auf die architectes decorateurs zur Zeit der Regentfchaft und unter Louis XV., auf die 
Opperzort, Mezßfonzbrr u. A. zurückzuführen. Das spezififche Rococoornament in feinen verfchiedenen 
Typen (Mufchel, Flügel, Baumrinde, Diftelblatt etc.) tritt durchaus nicht allein und felbftftändig 
auf, Hand in Hand mit ihm gehen zahlreiche geradezu naturaliftifche, wenn auch eigenthümlich 
manierirte, Verzierungen, deren Behandlung felbft in den plaftifchen Gebilden auf malerifche Inten- 
tionen hinweift  fo die auffteigenden Schilfblätter, die Laub- und Blumenranken, die Figuren 
und Embleme des Schäferlebens, der Jagd und Fifcherei etc. Meiftens zierlich und flach und oft 
eher noch an den Pietraduraftil der Frührenaiffance als an die fchwulfiige Plaftik des Barocco 
erinnernd. Der pringzjbielle Unterfchied vom erfteren beruht (abgefehen von den Techniken und 
den Materialien) darin, dafs das Rococofchmuckwerk keine ftruktive Einrahmung im antiken Sinne 
duldet, fondern im Gegentheil felbjl Ralmzen bildet und hierbei, da fein Wefen ein durchaus natura- 
liftifch-bewegliches ift, die Unregelmäfsigkeit zum Gefetze erhebt. Um diefes frei fpielende, meiff 
vergoldete oder verfilberte, alfo glänzend-neutralfarbige Ornamentwerk zur Geltung zu bringen, 
brauchte man zarte, helle Earbentöne auf den Flächen der Wände, Plafonds und Möbel. Es mufs 
auch hervorgehoben werden, dafs der eigentliche Rococoffil im Wefentlichen auf die Innendekoration 
und die Kleinkunit befchränkt geblieben ift; auf die architektonifchen Facaden hat er keinen oder 
nur einen entnüchterndcn Einfiufs ausgeübt: Die in feiner Blüthezeit entftandenen Gebäude zeichnen 
fich äufserlich eher durch kühle, fchmucklofe, flache Behandlung aus, während noch die Facaden 
des fpäteren Barocco eine mit dem Innern harmonirende, oft fehr reizvolle Verzierung aufweifen. 
Um 1750 machten {ich in der Architektur und Dekoration aufls Neue antikifirende Neig- 
ungen geltend  Pompeji und Herculanum waren entdeckt, die ganze gebildete Welt nahm 
Antheil an den antiquarifchen Streitigkeiten der Gelehrten  aber zu einer eigentlichen Wieder- 
geburt, zu einer zweiten nRenaiffancecc der antiken Kurz]? konnte es diefe Zeit nicht bringen. 
Wenn auch die kühnen Idealanfichten eines Piranefi u. A. noch jetzt unfer höchftes Intereffe in 
Anfpruch nehmen, fo wohnt doch faff Allem, was damals für die Wiederbelebung der Antike in 
der Dekoration gethan ward, etwas Ruinenhaftes, Freudlofes und Unbefriedigendes bei. Es beginnt 
die Zeit der obeliskenartigen Oefen mit trauernden Genien, der Uhren mit Senfenmännern, der 
umHorten Urnen, der abgebrochenen Säulen, der langweiligen Medaillons mit ihren bandwurm- 
artigen Bändern und armfelig dünnen Guirlanden. Künftlerifchen Humor fuchen wir in diefen 
Gebilden, welche wir unter dem Namen des iiZopjjlilsa zufammenfaffenff) vergebens; in dem 
Beftreben, ganz und (ich! antik zu fein, verfchmähte man es, fich die Werke der guten Renaiffance 
zu eigen zu machen  ja es ift fraglich, ob dies beim heften Willen fofort möglich gewefen 
wäre, nachdem die in der Gothik und Frührenaiffance geübten foliden Techniken nach und nach 
durch ein ganzes Syftem trüglicher Praktiken verdorben waren. Man fuchte die Antike in gewiffen 
ftrengen Formen, ohne tieferes Verftändnifs für die heitere Lebensfülle ihres Schmuckwerks und 
für ihre ftilvolle Stoffgerechtigkeit. Zwar nach dem erften unglücklichen Anlauf trat um 177 5 
eine Wendung zu einer graziöferen, originellen und durchaus nicht reizlofen Dekorationsweife 
ein, welche wir als den Stil Louis XVI. kennen; aber bald machte fich mit dem angeblich 
i") Es wäre wohl an der Zeit, nun endlich die Benennung 
nicht länger damit den Barocco und Rococo zu verwechfeln, was 
fehr hinderlich iü. Vgl. Zahn in der Lützowlfchen Zeitfchrift 1873 
xzOpffiile auf die Zeit feit 1750 zu befchränken und 
für die Klarheit der {iilgefchichtlichen Bezeichnungen 
S. 4 3. 
Deutfches Zimmer.
        

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