Bauhaus-Universität Weimar

Schiefheit gedrängt würden. Nur ihnen hat das Sezessionisiengeschlecht von x9do, 
haben die Liebermann, Slevogt und ihre Schüler und Freunde es zu verdanken, daß 
sie noch immer als Oppofitionelle, als Fortschrittler, als -Hechte im Karpfenteich gelten. 
Lebten wir unter normalen Zuständen, so wären sie allesamt längs? in Amtern und 
Würden und akademischen Positionen  womit aber der Bewunderung und Ver- 
ehrung, die ihnen nach wie vor gilt, wahrlich nicht zu nahe getreten werden soll. 
Die neue Jugend aber erlebt nun, was diese, ihre Vorgänger, vor fünfzehn und 
zwanzig Jahren durchmachten. Um sie tobt der Kampf der Meinungen. Publikum, 
Kritik und die mehr passiven Mitglieder der Künsilerschaft selbsi spalten sich um 
sie in zwei Parteien, die sich schroff und rückskchtslos befehden. Die beiden großen 
HerbsiveransIaltungen: die ,,6erbstausstellung" im alten Sezessionshause am Kur- 
fürskendamm und die Kunsischau des ,,Sturm", die sich unter dem siolzen Titel 
,,Erster- deutscher s,,erbsisalon" in der leersXehenden Etage eines Bürohauses in 
der Potsdamersiraße einquartiert hat, geben gegenwärtig reichlich Anlaß, in leiden- 
schaftlichen Debatten dies Für und Wider zu erörtern. Die beiden Unternehmungen 
unterscheiden sich wesentlich. Der ,,Sturm" rasTt mit viel Temperament, aber wenig 
Kritik alles an sich, was sich irgendwie revolutionär gebärdet. In dieses Vaters 
Hause sind viele Wohnungen, deren Pforten sich den Unberufenen mit gleicher Liebe 
össnen wie den Berufenen, so daß mit ed)ten, obschon meisi wilden und exzentrischen 
Begabungen auch leere Schreier mit einziehen, denen es vor allem auf den Lärm an- 
kommt. Am Kurfürsiendamm hat strengere Sichtung und Siebung gewaltet. Hier 
suchte man die schwere Aufgabe durchzuführen: in der allgemeinen Wirrnis, die 
herandrängt, die Böcke von den Schafen zu sondern; das herauszusischen, was nad) 
Talent schmeckt, und die Phraseure von der Schwelle zu weisen  ein kniffliches 
Programm, dessen Lösung noch nicht völlig gelang, noch nicht völlig gelingen 
konnte. Im ganzen aber gehören die beiden Veranstaltungen, soweit sie sich von 
einander entfernen, doch auch wieder zueinander und bieten in ihrer Gesamtheit 
zum ersien Male die Möglichkeit, über alles das, was gärt und brodelt und ans 
Licht will, einen umfassenden Uberblick zu gewinnen. 
Die Außensiehenden glauben oft, man könne das alles mit einem Griff zusammen- 
packen. Wie in der Politik der Sozialdemokratie alle übrigen Parteien als ,,eine 
reaktionäre Masse" erscheinen, so werden auch hier die verschiedensten Dinge in einen 
Topf geworfen und zu einem ganzmodernen Urbtei zusammengerührt. 1Expressio- 
nismus, Kubismus, Futurismus  die Zuschauer glauben oft, im Grunde sei alles 
dasselbe. In Wahrheit sieht die Sache ganz anders aus. Da scl)eiden sich wieder 
zahlreiche Gruppen und Grüppchen. Ihnen allen ist freilich eines gemein, aber 
etwas Negatives: das Abrücken vom impressionistischen Credo, von der unbedingten 
Naturandacht, auch von der subjektiv verarbeiteten Wirklichkeitstreue, von den 
Gesetzen der Licht- und Luftmalerei, von der Freude an der Analyse, an der Be- 
wegung, am Momentanen. Aber darüber hinaus gabeln sich die Wege wieder 
und führen in ganz verschiedenen Richtungen zu fernen Zukunftszielen. Freilich, 
wenn wir die theoretischen Grübeleien der ,,Kubisien" und die literarischen Sprünge 
der ,,Futurisien" bei Seite lassen, so bleibt doch eine fesigeschlossene Einzelgruppe 
übrig, die am meisten Hoffnungen weckt.
        

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