Bauhaus-Universität Weimar

den Hügels, der dann, unmittelbar hinter dem Bau, säh abfällt! Sie faßt die Land- 
schaft, faßt das Bild der Stadt da unten und der Villen auf dem Wege zu ihr 
mit genialem Griff zusammen. Die vier ionischen Säulenvorhallen sind nun, da 
du sie vor dir siehsi, keine schematischen Pendants mehr, sondern Terrassen, um 
die unvergleichliche Aussicht nach allen Himmelsrichtungen zu genießen. Und der 
runde Kuppelsaal gibt den Hauptpunkt an, von wo du nach Morgen und Mittag, 
nach Abend und Mitternacht kostbare Bilder erblicsi, vom Gebälk der osfenen Portale 
umrahmt. Königlich, fesilich, ergreifend in unaufhaltsamem Verfall, trauert die voll- 
endete Harmonie des Bauwerks in der üppigen Blüte des uralten Gartens mit den 
rauschenden, tiefgrünen Wipfeln seiner Baumriesen, mit den hohen Halmen seiner 
ungemähten Wiesen und den zauberhaften Gängen seiner Fliederbüsche. Melancholisch 
blict das Haus dich an mit den großen Augen seiner Fenster und Türen, einsam 
geworden in einer neuen Zeit, deren Menschen es nicht mehr versieht. Ein Wunder- 
rverk. Der es geschaffen hat, muß ein Mann gewesen sein, dem man die Hände 
küssen könnte. Das is! Andrea PalIadio, unter dem du dir einen nüchtern rechnenden 
Theoretiker vorgesXellt hast! 
Er trug sich gelegentlich sogar mit Phantasien künstlerischer Lebenssieigerungen, 
die sich unmittelbar mit Gedanken und Sehnsüchten unserer Tage berühren. Er 
träumte von den Möglichkeiten, das Theater der 2lntike mit seiner machtvollen 
Stilentfaltung zu erneuern, im modernen Sinne seiner Zeit wieder lebendig zu 
machen. Ideen waren es, wie sie heute den Bühnenzauberer May; Reinhardt 
beherrschen. So entstand das ,,Teatro Olimpico" von Vicenza, das x584, vier 
Jahre nach Palladios Tode, mit  dem 0edipus :-ex des Sophokles eingeweiht 
wurde! Ganz wie vor drei Jahren Reinhardt begann. . . . 
Willst du dich über diesen merkwürdigen Bau informieren, so sindesk du die 
weise Belehrung, Palladio habe ihn nach den Vorschriften Virtuos über das 
Theater der Alten errid.)tet, aber dennoch nicht erreicht, was ihm vorschwebte. Ihr 
Neunmalklugen! Er dachte offenbar gar nicht daran, eine antike Schauspielsiätte 
sklavisch zu kopieren; sondern eben dies wollte er: aus den selbsiändig verwerteten 
hellenisd)en Anregungen für neue, andere Bedürfnisse einen neuen Theatertypus 
schaffen, die Renais"sancegedanken des Bühnenbaus mit klass7schen Motiven ver- 
mischen. So entwarf er kein Amphitheater im Freien, sondern einen Saal mit 
halbrund ansieigenden Zusd9auersitzen. Die Bänke bedeckte er mit weißlichen Polster- 
siosfen, vielleicht um Erinnerungen an alte Stein- und Marmorbänke zu wecken. 
Und darüber erhob sich dann eine stattliche Hochrenais"sanc-Architektur als dekorativer 
Abschluß, mit Bogenösfnungen. Von dort sah man hinab in die tiefer gelegte 
Orchesira und in die osfene Bühne, wo sich, in glänzenden perspektivischen Bildern, 
eine Jdealsiadt mit hölzernen PalasifasTaden auftat, die mehrere Straßenzüge umsäumen. 
Alles ist schon einmal dagewesen. Auch in der Welt des Theaters. Und nicht 
nur die erneute Sehnsud)t nach der antilken Bühne hat uns das Cinquecento vor- 
geal)nt, sondern nod; einen andern kVunsch. Reise nach Parma und laß dir dort 
in dem ungeheuren Palazzo della Pilotta vom CupIode das grandiofe Teatro Farnese
        

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