Bauhaus-Universität Weimar

worden ist, sonst hätten sie versucht, s?e zu verwirklichen. Die Feiglinge! Wenn 
s?e ehrlich genug sind, beschränken ste sich auf die Kritik, und ihr Finger, der unsere 
Fehler und Jrrtümer bezeichnet, darf uns nicht die Richtung unseres Weges vor- 
schreiben, darf nicht den Deckel unseres Auges aufheben. 
Neue Horizonte öffnen sich für uns, wenn wir unsere Augen in uns selbst 
richten, wenn wir die ganze menschliche Kunst für uns selbst erlebt und gefühlt, 
ihren ganzen Gang verfolgt, ihre Schmerzen und Freuden für uns selbst empfunden 
haben. Und dies müssen wir tun, die Notwendigkeit ist absolut, weil wir sonst 
die Kunst vielleicht nicht verstehen können, denn als wir als Kinder die Kunst 
ahnten, hat man uns einen Vorhang vor die Augen gespannt. Ein Vorhang, 
bestickt von dem wissenslosen Papa, von der ebenso wissenslosen Mama, von 
der heuchlerischen Tante, dem idiotischen Schulmeister, von der Routine, der Nütz- 
lichl!eit und der ganzen moralischen Misere des sozialen Milieus, worin wir ge- 
boren werden. Es ist oft nicht leicht, diesen mit Paragraphen des praktischen 
Lebens bestickten Vorhang aufzuheben, und es bedarf nicht geringer Kraft, um ihn 
hoch zu halten, nicht aus den Händen gleiten und wieder herabfalIen zu lassen. 
Jst er wieder herabgefallen, so bedürfen wir neuer Anstrengungen, und viele von 
uns, die das Hindernis hätten überwinden können, bleiben vor dem Vorhang stehen 
und fügen seinen Stickereien noch ihre eigenen Sd-)reckgestalten hinzu  diesem 
Vorhang, der uns die wirkliche Kunst verbirgt. 
Durch uns selbsX müssen wir sie kennen, iawohl, durch uns selbsX, vom Anfang 
bis zum Ende! Nicht theoretisch! Die Theorien sind sieril, wenn wir ihnen nicht 
in uns felbsi den Weg vorbereiten. Die Theorien können und müssen äsihetisieren, 
was sich in uns, zuerst formlos, dann mehr und mehr greifbare Gesialt annehmend, 
bildet, den Weg bahnt, die Schale durchbricht, um den Tag zu erblicken. Mick) 
für mein Teil erschrecken die Theorien. Ich habe sehr klare und nützliche gelesen, 
aber sie kamen mir vor wie die kühlen fremden Ratschläge eines Menschen, dem 
ich keinen Fehler nad)sagen kann. So bleiben viele dieser Theorien für mich tote 
Buchstaben, bedrückte-s Papier, leere Worte. Selbst in den Augenblicken, wo mir 
das Wasser bis an den Hals geht, mißtraue ich ihnen. Sie annehmen, ohne sie 
selbst erlebt zu haben, is7t, wie wenn man ein Stück Brot verschlucken wollte, ohne 
gekaut zu haben. Denn alle gehen von vorgefaßten Meinungen aus, mögen sie 
Um! herrühren von Realisien, Symbolisien, Synthetisien, Futurisken  Jsten, Jsken, 
Jsken. Die Kunsk als Qualität (Stärke, Kraft, Macl)t) ist uns allen eingeboren. 
Sie ersiirbt oder entwickelt sich in uns durch eine individuelle G;-mnasiik. Je 
begabter wir sind, desto schlechtere Schüler sind wir in der Lehre eines andern. Die 
Theorien, die uns am meisien nützen, sind diejenigen, die sich in uns selbst entwiEeln; 
es genügt, und das emps-fehlt sich sehr, seine Gedanken und Meinungen aufzu- 
schreiben. So schas-"fen wir uns allmählich nicht einen Kober, aber eine Theorie, 
die uns selbsi eigentümlich isi, einen Spiegel unserer eigenen Bemühungen, der für 
uns den guten Rat der Freunde und Feinde überflüssig macht. Das sind für uns
        

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