Bauhaus-Universität Weimar

Im 2cquarium zu Neapel. 
durchaus nicht, daß sie wie Voltaire, wie Balzac, wie Zola, gerade und krumme Mittel an- 
wenden, um einen akademischen Titel zu erlangen, mit der wohlwollender: Neutralität 
würden wir uns schon zufrieden geben. Wenn wir drei Schritte zu ihnen machen, könnten 
sie wenigstens einen zu uns tun. Mar6es lief gleich zehn Schritte weg wenn er sah, daß 
jemand einen Sd;)ritt nach seiner Richtung machte. Und so sehr uns diese stolze Unabhängkeit 
gefällt, wäre es doch besser für den Künstler, für uns und für die Kunst, wenn er sich etwas 
weniger unnahbar zeigte, wenn er etwas mehr von der Umgänglichkeit der sranzosen hätte. 
Leider werden das fromme Wünsche bleiben, denn es kann niemand aus seiner Haut 
heraus, und im Grunde können wir froh und stolz sein, daß unsere besten Leute von irgend 
einem Kompromiß nichts wissen wollen, sich um nichts kümmern, nach nichts schauen, nichts 
achten und verehren, als ihr Ideal. Denn schließlich: wer seine Kunst ausübt um Geld zu 
verdienen, um berühmt zu werden, um Orden oder Titel zu erhalten, der ist doch nicht so 
recht das, was der wahre große Künstler sein soll. Und selbst wenn er Orden, Titel, Geld, 
Ruhm nur so nebenbei verfolgt, wie es alle großen französischen Künstler getan haben und 
tun, selbst dann kommt er uns schon nicht mehr so ganz rein und hehr vor, wie wir ihn 
gerne hätten. Und über den Verlust der großen Werke, die Marcäes uns geschenkt hätte, 
wenn er sich mehr um Publikum und Behörden gekümmert hätte, trösten wir uns ein 
wenig in dem Gedanken, daß die andern keinen Mann haben, der wie dieser Deutsche mit 
vollster Ehrlichkeit sagen darf, daß es für ihn im Leben und auf der Welt überhaupt sonst 
nichts gibt als seine Arbeit, seine Kunst, sein Ideal, der so herrlich dem Bilde entspricht, 
das Mar6es selbst von dem echten Künstler entworfen hat: 
,,Einen gebotenen Künstler würde ich denjenigen nennen, dem die Natur von vorne- 
herein ein Ideal in die Seele gesenkt hat; und dieses Ideal ist es, was ihm die Stelle der 
Wahrheit vertritt, an das er unbedingt glaubt, und welches zur Anschauung der andern, 
sich selbst zum richtigen Bewußtsein zu bringen, seine Lebensaufgabe wird." 
Es ist gut, wenn man zuweilen auf Reisen geht, in ein Land, wo man unparteiisch 
vergleichen kann. Da sitze ich im Aquarium zu Neapel und wage die deutschen und die 
französischen Künstler ab. Vieles haben die einen voraus vor den andern, aber die Worte 
des Mar6es kann kein sc-anzose von sich sagen. Gewiß ist auch hier den Größten die Ver- 
wirklichung des künstlerischen Jdeals die Lebensaufgabe, aber niemals die ganze. Daneben 
haben sie alle ohne Ausnahme die Aufgabe, Ritter, Ofsizier, und Kommandeur der Ehren- 
legion und Mitglied des Instituts oder der Akademie zu werden. Wenn Sie mir einen 
einzigen nennen, der diesen Dingen nicht nachgestrebt hätte, einen einzigen außer Courbet, 
der seinen Verzicht auf die Ehr-enlegion mit theatralischem Bombast zur wirksamsten Reklame 
gestaltete, will ich ein Türke sein und zwanzig Ehefrauen in mein Haus aufnehmen.
        

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