Bauhaus-Universität Weimar

,,Weil die Seele Euch nicht reizt, die aus ihrem Körper spricht," entgegnete dieser. 
,,Wenn ein Stück Holz, wie das da eine Seele hat, dann ist es ein Kunstwerk. Ein Mensch 
ohne feine Seele kann im höheren Sinne nie schön sein." 
,,Sie hat hübsche Zähne und ist wirklich nicht ohne, wenn sie lacht. Ietzt geht sie 
fort-, sagte der Onkel. ,,Seht Euch den Gang an. Ich weiß nicht, sie erinnert mich an  
na, das gehört nicht hierher. Jedenfalls, der Hals ist zu kurz, das ist ein sehler und bleibt 
einer, der mich entschieden stört  wenigstens vom senster aus. Als Holzfigur wäre sie nur 
ein nettes Spielzeug. Ich wette, der junge Bock läßt sie nicht aus der Witten-ung." 
,,Hahaha, hahaha, Ihr habt Recht, da macht er schon kehrt, wart Schlingel, daß dich!" 
rief der geistliche Herr, indem er gegen die Scheiben trommelte. ,,Will er tvohl!" Aber der 
Iüngling achtete sein nicht. Hut-tigen Schrittes lief er drüben vorbei dem niedlichen sigürchen 
nach, das seine Augen liebkosten, da es nicht von Holz war.  
-Unter den Augen des Hirten läuft er dahin auf der breiten Straße" rief der Onkel 
,,einem Schäfchen nach." 
-Hoffentlich schlüpft es unter einen Dornenstrauch!" entgegnete der geistliche Herr, 
wandte sich wieder ins Zimmer zurück und stellte sich von neuem vor das Holzsigürchen. 
,,Du wirst auch sehler haben,- sagte er zu ihm, ,,wie ein jeder Mensch, ich sehe sie nur 
nicht, da deine Tugenden sie himmlisch überstrahlen. Du bist eben von einem wahrhaftigen 
Künstler geschaffen. Er gab dir seinen Geist, der in seiner Eigenart ohne Fehl war, wenn 
auch nicht vollkommen. Ein Mensch hat körperliche und geistige schier, denn einen voll- 
kommenen Menschen gibt es nicht, da er aus Leib und Seele besteht. Ein tadelloser Mensch 
ist unmöglich und wäre widersinnig, ja unausstehlich. Man kann wohl behaupten, daß 
Künstler keine tadellosen Werke schaffen können, so sehr sie von einer törichten, falschfühlenden 
Menge verlangt werden. Das sehlerlose würde keinen tieferdenkenden entzücken. Wenn 
unsere größten Kunstwerke nach dem Urteil der Kritiker sehler haben, so scheint mir fast, 
als wäre ein Mangel an solchen entweder ein Unding oder ein Nachteil." 
,,Oder" fiel der Prinz ein, ,,das Wort schier ist falsch am Platz. Ein nur viereckiges 
nüchternes Haus kann fehlerlos sein, ist aber aus jeden Fall langweilig und unmenschlich, 
weil unkünstlerisch. Soviel habe ich auch schon gesehen." 
-Sicher," sagte der geistliche Herr. ,,Würde heute eine Maschine erfunden, die fehler- 
los die Augen ersegte, so wäre ihre tadellose Arbeit unmenschlich, unkünstlerisch. Der Mangel 
an künstlerischen sreiheiten, die der Ausfluß einer eigengearteten und darum wertvollen Per- 
sönlichkeit sind, müßte Sehende beleidigen. Nicht der beste Zeichner ist im Stande eine tadel- 
los gerade Linie aus freier Hand zu ziehen, das sollte uns zu denken geben." 
,,Ich hasse überhaupt die graden Linien," warf hier der Onkel ein. ,,Von dem Lineal 
ab, mit dem mein erster Lehrer allerhand ausübte, was sich nicht nur auf die Wissenschaft, 
sondern auch auf meine Hosen bezog, bis zu den graden Soldaten und den schnurgraden 
Straßen. Das Grade mit seiner Unfehlbarkeit, seiner Tadellosigkeit geht mir gegen meinen 
Strich, und der ist krumm, gewölbt, rund, beweglich, launisch, willkürlich, wie Ihr-"s nennen 
wollt, so wie die Weiber sind. Ich sage Euch, die Weiber ließen sich niemals so zu Sol- 
daten abrichten wie die Männer, dazu haben sie viel zu viel Geschmack. Und am meisten 
muß ich sagen, hasse ich das Grade bei den srauenzimmern selbst. Alle Hagel! da beißt"s 
mich. Nach meiner Meinung sind auch die Weiber und die Kunst viel näher miteinander 
verwandt, als viele glauben." 
Der Prinz, der sinnend vor dem Holzfigürchen stand, hatte des Onkels Philosophie 
ganz überhört. 
,,Ihr sprachet- sagte er nachdenklich, ,,vom Schein des Schönen, den ungeschulte Augen 
für voll nehmen. Das ist für mich der springende Punkt. Hier mein teurer Onkel findet 
das Wertvolle ohne Bedenken, ohne Zaudern, und ich  ich sehe jetzt ein, daß ich mir ein 
köstliches, himmlisches Land erobern soll. Wüßte ich nur erst gewiß, wo es liegt. Da ich 
aus Euren Augen eine heilige slamme schlagen sehe, so zweifle ich garnicht, daß der Gewinn
        

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