Bauhaus-Universität Weimar

Meister der Farbe. 
graphierten Tafeln von Nash. Die wundervolle malerische Architektur seiner Vaterstadt hat 
ihm außer dem erwähnten Werk mit zehn Ansichten keine Anregung zu Hinter-gründen für 
seine Bilder gegeben. Merkwürdigerweise ist all diese herrliche Schönheit auch von seinem 
großen Landsmann Daniel Chodowiecki gar nicht beachtet worden, denn dieser hat seinen 
bezaubernden kleinen Figuren als Hintergrund nur einige ganz simple kulissenartige Deko- 
rationen beigegeben. In dieser frühen Epoche entstanden Bilder wie ,,Die Brieffchreiberin", 
welche von einem jungen Kavalier überrascht wird. ,,Das Stelldichein", eine junge Dame 
auf einer SchloßterrasTe, welche durch ihr Guitarrenspiel ihren Liebsten herbeilockt; ,,Ein 
Kirchgang-, vornehme Patrizier verlassen die Kirche, einige beglücken eine Bettlerfamilie 
durch Almosen (im Besitz des Herrn Direktor Felix Lehmann-Steglit3). Und schließlich wollte 
er sich auf Zureden einiger gelehrter Kunstfreunde auch an etwas Großes machen und 
malte die Balkonszene aus Romeo und Julia, zu der er unzählige Akt- und Kostümstudien 
machte. 
Alles dieses aber lag weit ab von seiner eigensten Anschauung. Als er sich unendliche 
Zeit mit diesem Liebespaar abgequält hatte, sorgte sich meine Mutter, daß es mit diesem 
Bilde niemals etwas werden würde und sie drängte ihn, da die Familie anfing zu hungern, 
kleine verkäufliche Bilder, Genrebildchen mit Figuren aus unserer Zeit zu malen und mit 
diesem guten Rat hat sie recht gehabt. Es ist noch heute eine eigenartige Erscheinung, daß 
selbst talentvolIe Kunitjünger der Akademie ihr Heil darin zu finden glauben, daß sie sich 
in ihren ersten Bildern mit Ritter- und Räubergeschichten abquälen, mit Kreuzfahrern und 
Wallensteinern. Jst es doch schon schwer genug, Leute von der Straße künstlerisch vortreff- 
lich darzustellen und wieviel schwerer, einen Kreuzfahrer oder Raubritter wirklich glaub- 
würdig zu malen; große Künstler aller Zeiten sind nur dadurch entstanden, daß sie ihre Zeit, 
ihr Land und ihre Leute beobachteten und wieder-gaben. Der Übergang zur Anschauung 
des Landvolkes seinerzeit wurde denn auch für meinen Vater segensreich und hatte die 
große Zahl seiner kleinen beliebten Genrebilder zur Folge. In seiner übergroßen Bescheiden- 
heit hielt er sich niemals für einen bedeutenden Künstler; er war gar kein Enthusiast und 
er brannte nie darauf, etwas Erlebtes schnell zu verbildlichen.  
Seine Bilder entstanden auf mühsame Art, des Abends, wenn wir Jungen unsere Schul- 
arbeiten machten, wenn meine Mutter auf dem Sopha Strümpfe strickte und dabei ihre 
Lieblingsbücher las, die Bibel, Beckers Weltgeschichte, Konversationslexikon und Schiller, 
so saß mein Vater daneben und krit3elte mit dem Bleistift allerlei kleine Figurengruppen, 
die häusliches Glück und Familienglück darstellten. Meine Mutter gab dann ihren Rat 
dazu, ob eins oder das andere Motiv zu einem Bilde verarbeitet werden solle. Wenn 
Freunde zu meinem Vater sagten, sie hätten auf der Reise in diesem oder jenen Dorfe lauter 
Meyerheimsche Bilder gesehen, so antwortete er beinah ärgerlich, daß er selbst eigentlich nie 
eins gesehen habe. Auch er las des Abends, doch nie die Bibel und auch trotz seiner inneren 
Poesie niemals Gedichte; ebenso fand er bei seinem großen Musikinteresse kaum Gefallen 
an Liede;-n, wenn ex abends nicht zeichnete, so half er wohl auch meiner Mutter bei ihren 
häuslichen Beschäftigungen; er zerklei.ne1-te mit Beil und Messer eifrig einen großen Zucker- 
hut, besorgte die Reinhaltung der Ollampen und wenn das Tagewerk vollbracht, wurden 
von beiden Eltern die Ausgabebücher in peinlichster Sorgfalt geführt; um unsere Schulauf- 
gaben haben sich die Eltern kaum gekümmert. Auch gab es weder ein Jubelfest mit Be- 
lohnung, noch Ärgernis mit Wehegeschrei, wenn wir eine bessere oder schlechtere Zensur nach 
Hause brachten. Da es späteren Geschlechtern interessant sein dürfte, sich über die Art und 
Weise zu unter!-ichten, in welcher Maltechnik frühere Generationen gearbeitet haben, so will 
ich kurz erzählen, wie mein Vater bei Herstellung seiner Bilder verfuhr. Er benutzte stets 
Leinewanden mit einem dunkelgrauen Olgrund. Seine Bilder entwickelten sich zuerst aus 
den kleinen Zeichnungen, welche er abends am Familientisch mit Bleistift auf Konzeptpapier 
hingekrigelt hatte. Wenn ihm ein Motiv interessant genug erschien, so malte er aus dem 
Kopfe, meist auf schlechtem Studienpapier nur die Szene mit breitem Pinsel in dünner
        

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