Bauhaus-Universität Weimar

Eduard Rüdisüt)li 
(g-vorm -875 zu Basel, lebt daselbst) 
Gewitterschwüle 
29Z 
von dem Schweizer Maler Ednard Rüdisühli, einem Künstler, der den Kenner-n der 
,,Meister der sarbe" nicht erst vorgestellt werden muß, bringen wir hier wieder eine dekorative 
Stimmungslandschaft. Schwer ballt sich der Gewitterhimmel über dem kleinen bescheidenen 
Bauerndörflein, das im Hintergrunde zu fchen ist. Ein weißer Kirchturm glänzt in der 
Sonne. Einige rote Dächer leuchten durch das Dickicht. Das ist ein Stückchen Leben, das 
in die Einsamkeit hereinschaut, ein zarter, durchklingender Ton des stimmenden Akkordes, der 
weniger von der architektonischen Ansstattung des Bildes, als von dem Natureindruck aus- 
geht. Unberührt liegt eine Landschaft vor uns, in der alles alt, ehrwürdig und schweigsam 
wirkt. Der Bach, der durch die saftgrünen Wiesen siokert, fließt träge dahin. Auch der Weg, 
der neben ihm herläuft, sieht alt und einsam aus. Das Gras hat ihn überwuchert. Als 
die stärksten Hüter der landschaftlichen Ruhe erscheinen die wichtigen Stämme der knorrigen 
Eichen und die riesigen Buchen. Eine Gruppe von weißgebleichten Birken wirkt wie die 
Erinnerung an eine abgestorbene Vergangenheit. Und über diesem Bilde liegt ein gewitter- 
lchwüler Himmel. Nur an einer einzigen Stelle ist er der blauen Sonnigkeit geöffnet und 
wie eine hellschimmernde goldene Masse inmitten düsterer dunkler san-btöne fällt das Licht aus 
diesem spärlichen Himmelsloch auf das ernste, sumpfige Land. 
Was der Künstler bei diesem Bilde wollte, das ist ihm voll gelungen: Die Stimmung 
dieses Naturausschnittes will etwas von dem Schritt der Zeiten ahnen lassen, von den 
Schicksalen und Zufälligkeiten, die dereinst über diese Bäume und Wiesen hingegangen sind. 
In den Vorwurf ist etwas hineingetragen, was er für profane Augen nicht hat: Stimmung 
und Seele. Das ist das Wesen aller Romantik, daß sie die Gegenstände der Erscheinungs- 
welt, die Natur und ihre tansendfältigen "Tlnßerungen vermensthlicht und unserer Empfindung 
näher rückt. In den alten Bäumen, in dem zerstörten Weg, in den schleichende-n Wassern, 
in der verwilderten Wiese und in den dicken Stämmen der alten Eichen, auf denen die Zeiten 
ihre Runen eingegraben haben, spiegelt sich für den Künstler, der über den objektiven Natur- 
eindruck hinausgehen will, etwas von den Erlebnisses; und den Gefühlen der Natur. Die 
Eichen haben die Geschichte des Ddrfleins gesehen, das. in dem versteckten Erdenwinkel 
entstanden ist. Die Birken haben den Menschen zugeschaut, die dereinst auf dem alten Weg 
gewandelt sind, der Jugend und dem Alter, das auf ihm entlang geschritten sein mag, den 
frohen Hoffnungen und den tranrigen Enttäuschungen. Das Dörfchen aber, das so totenruhig 
schläft, ist vielleicht dereinst munter und lebhaft gewesen. Lustige Kinder mögen sich früher 
auf den Wiesen umhergetrieben haben und die schlafenden Bäume hörten vielleicht das Ge- 
flüster der liebesseligen Dorfjugend. 
        

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