Bauhaus-Universität Weimar

Wilhelm LeibIs Porträt der Frau Gedon 
Das wundervolle Bildnis, das Leibl einstens von Lorenz Gedons Gattin gemalt 
hat, und das, wie auch in der letzten Nummer dieser Hefte erwähnt wurde, jüngst 
auf einer Pariser Auktion unter den Hammer kam, ist bei diesem Verkauf Deutsch- 
land zurückgewonnen worden. Die Münchner Kunsthandlung von Heinemann 
hat es erworben und es jetzt in ihren Räumen zur Beglückung aller ihrer Be- 
sucher ausgestellt. 
Herr Heinemann hat für das Bild, alles in allem, x540o0 Francs bezahlt. Aber 
man darf sagen: das ist nicht viel. Denn der Wert dieses Meisterwerkes ist über- 
haupt nicht abzuschätzen und die Summe ist gewiß nicht zu hoch für so vie! 
Herrlichkeit. Es ist ein Gemälde, für das kein Wort des Staunens und 
Res"pekts zu hoch klingt. ,,Das" klasfische Porträt der deutschen Kunst aus dem 
neunzehnten Jahrhundert. So abgerundet in Auffassung und Vortrag, so wahrhaft 
,,vollendet" in jeder Hinsicht und jeder Bedeutung des Wortes, daß die Sprache 
des begeisterten Beschauers davon keinen Begriff vermitteln kann. Die Dame steht 
gegen dunklen Hintergrund, bis zu den Knien sichtbar, in einem gelblichen Kostüm 
vor uns. Ein feines graues Tuch hat sie um den rechten Unterarm geschlungen, 
die Hand greift hinein. Dies sanfte Gelb und Grau gibt dem Farbenspiel den 
Grundakkord. Dazu kommt die unbegreiflich schöne Malerei des Antlitzes und 
des braunen Haares. Jn diesem Haar steokt ein rotes Bändchen, das zu den Lippen 
und zu den dunkeln Granaten des Halsbandes stimmt, den pikanten roten Nebenton- 
der mit weisester Berechnung in den Hauptklang gesetzt ist, auf diesem Wege 
langsam verdunkelnd. Das ist Velazquez" würdig. Aber auch Holbein der Jüngere 
darf sich nicht schämen, unter den Ahnherren dieses einzigen Bildes genannt zu 
werden, das selbst schließlich doch in Blut und Nerven seiner Mensct)endarsteUung und 
Farbenbehandlung ein Werk der modernen Malerei ist und niemals vor Leibls Zeit 
und von keinem anderen gemalt sein könnte als von ihm. Höchste Tonschönheit, 
tiefste Erschöpfung der Farbenprobleme wie der Persönlichkeit, die hier ModeU 
stand: das ist das Bildnis der Frau Gedon. 
Leib! hat dies Porträt schon x869 gemalt, noch vor Courbets Eintreffen in 
N1ünchen. Es hing damals auf jener denkwürdigen Münchner Ausstellung, die 
zuerst die großen Franzosen des Jahrhunderts nach Deutschland brachte, und es 
wurde damals sofort nach Paris verkauft, wo man das große Handwerk dieses 
stiernackigen jungen Deutschen besser verstand als in seinem Vaterland. Nun ist 
es wieder unser, und soll unser bleiben! 
 
D:-udi des Textes von Ern1k He-drid1 Nad1f., G. m. b. lI., Leipzig
        

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