Bauhaus-Universität Weimar

jenigen Organe der öffentlichen Meinung, die einst nicht müde geworden, ihn zu 
begeifern und mit giftigen Pfeilen hinterrücks zu überfallen, jetzt seine -großen, 
bleibenden Verdienste-! anzuerkennen wagten, ohne daß der Tote sich gegen das 
Lob dieser scheinl)eiligen Horde schützen konnte. Wie eine Leichenschändung mutete 
es an, wenn man vernahm, wie ihm nun von solchen und ähnlichen Stellen Post-; 
hume Ehren erwiesen wurden. 
Ein wundervolles Lebenswerk im Dienste reiner Hingebung zur Kunst hat TsChUdT 
uns hinterlajsen. Er hatte die Nationalgalerie als eine gleichgültige, an kitschigen 
Mittelmäßigkeiten reiche Sammlung übernommen und in zehn Jahren zu einem 
Museum von Weltruf umgeformt, hatte die Alte Pinakothek in einer kurzen Spanne 
Zeit von Grund aus reformiert und den eingerosteten Ruhm dieser bayerischen 
Galerie wie ein Zauberer neu belebt, hatte dabei, in Berlin wie in Müncl)en, die 
Kunstbegrisfe der Allgemeinheit geklärt und vertieft. Aber wichtiger fast als diese 
positiven Leistungen war das ästhetische Schauspiel, das uns das Wirken seiner 
edlen Persönlichkeit bot, und der Kampf, den hier eine stolze und starke Seele mit 
einem grausamen Geschick ausfocl)t; in dem der Geist siegte, wenn auch der Leib 
unterlag. Wie ein armer Heinrich der deutschen Sage ist Tschudi elend zugrunde 
gegangen. Er muß die Furchtbarkeit, die phantastische Teufelei seiner Krankheit 
mit hundertfachem Leid getragen haben. Aber er überwand, und die Kraft, die 
er in diesem Ringen entfaltete, hatte ihn zugleid) gegen alle Kleinheit und Klein- 
mütigkeit, gegen Feigheit und Gemeinheit, gegen Stumpfsinn und Z)arbarei ringsum 
gefeit. Von seiner schöpferischen Arbeit geht für die Kunst die hohe Mahnung 
aus, die Lessings Nathan für das religiöse Leben predigte: ,,Es eifere jeder feiner 
unbestochnen, von Vorm-teilen freien Liebe nach-. 
Und diese Mahnung ist uns sein Vermächtnis. Tschudi gab den Maßstab MI- 
nach dem wir heute und künftig jeden, der unter den unerquicklichen Bedingungen 
der Gegenwart ein Kunstamt ausübt, messen werden. Und er zeigte uns die 
Wege, die wir zu beschreiten haben, wenn wir zu einer sinnvollen und gesunden 
Pflege der Künste gelangen wollen. Namentlich für Berlin hat er, der Praktiker, 
der sich nie mit Theorien abgab, durch seine Taten ein Programm aufgestellt, das 
nicht entschwinden wird, bis es erfüllt ist. Als in Stuttgart seine sterblicl)en 
Reste mit dem Zinksarg, den nur wenige Getreue umstanden, dem reinlichen Ele- 
ment des Feuers anvertraut wurden, haben wir es uns wieder neu gelobt, nicht 
in schwächliches Kompromißlertum zu Versinken, sondern rücksichtslos für das zu 
fechten, was uns recht dünkt. 
C 
Wenige Tage nachdem Tschudis Seele im Totenreich gelandet, begegnete sie 
dort dem Schatten eines seiner zäheiIen Gegner. Am 37. November war auch 
Ludwig Pietsch gestorben; nicht von der Höhe des Lebens fortgerissen, f0ndetn 
am Ende einer unvergleichlich fröhlichen Und langgesireckten Erdenwanderung. Ein 
halbes Jahrhundert hindurch hatte er, Dezennien davon in führender Stellung, 
später noch immer vom verblaffenden Glanze feiner früheren Tätigkeit zehrend, als 
der in der Welt bekcmntei7ce Berliner Kunitl!ritiker die Feder gefühtts D0Ch als er 
nun dahinging, galt er mehr als ein Phö.nomen unverwüiIlicher Fähigkeit des
        

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