Bauhaus-Universität Weimar

"Walther sit-le 
(geb. 1859 in Breslau, lebt in München) 
Die erste Kommunion 
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So wie in seinem ersten großen Bilde ,,Morgenandacht in einem holländischen Waisenhause" 
(National-Galerie Berlin), mit dem Walthcr sirle vor etwa zwanzig Jahren einen Wurf ins Volle tat- 
der ihn mit einemmal in die vordersten Reihen der jüngeren zeitgenössischen Künstler stellte, wie in der 
einzig schönen ,,Sonntagsschule" (Museum Budapest), wo er den ganzen Reichtum seines Gemütslebens 
Und die Intensität seiner Beobachtungsgahe in glänzender Weise niederlegte, so hat er auch in unserem 
Bilde ,,Die erste Kommunion" als Freund des Kindes und als Jnterpt-et seiner Seelenregungen und 
Empfindungen ein schönes Werk seiner Kunst gegeben. sirle hat ein gut Teil seiner künstlerischcn Aus- 
übung dem Leben des Kindes gewidmet; freilich lag ihm weniger daran, das Kind beim Spiel- in 
drolligen oder tragikomischen Situationen zu beobachten, sondern in ernsten Momenten, wo oft mehr als 
bei erwachsenen Menschen die Schwere des Augenblicks beim Kinde sich kund gibt, das war es, was 
ihn reizte.  So ist er auch eines Tages an einer kleinen Kirche bei München vorübergegangen, just 
um die Zeit, da junge Menschenkinder die erste Kommunion empfangen und Herz und Auge haben ihn 
getrieben, den ge-schauten, in sich aufgesogenen feierlicher; Eindruck in feste, unverwischbare sorm zu bringen. 
Mit der ihm eigenen psychologischen Empfindsamkeit hat er den Vorgang gesehen, hat in jedem der von 
inniger Gläubigkeit umflossen(-n Kinder eine Individualität erblickt und die Regungen, die angesichts der 
heiligen Handlung die jungen Herzen bewegen, in ihren Mienen widerspiegelt: lassen. Wie der Künstler 
selbst stät durch sein ganzes, an Eindrücke: guter und böser Art so unendlich reiches Leben eine reine, 
hohe Auffassung vom Menschen, seinem Leben und seinen Zielen bewahrt hat, das kommt in erhebender 
Weise zum Ausdruck. Aber, nicht nur das Was, der dargestellte Vorgang, die Kinder, denen sich natürlich 
das Hauptinteresse zuwendet, der Geistliche, der seines Amtes waltet, die alten und jungen Leute der 
Gemeinde, die geradezu prachtvol1 charakterisiert sind (man sehe sich nur die sigende Alte, den stehenden 
Bauern mit seinem altersverwischten Gesicht an), der große, weihrauchdurchschwängerte Raum ist's, 
was das Bild so liebenswert macht, sondern die Art, wie er es sah, wie er dem ja gewiß mehr als 
einmal behandelten Thema Ausdruck verlieh. Der innige Kontakt zwischen dem rein menschlichen Er- 
lebnis und seiner künstlerischen Umwertung, die in einen milden, aber doch klar erkennbaren Wirklich- 
keitssinn getauchte malerische Behandlung des Ganzen, die kompositionelle Sicherheit, das Hei-einstellen 
des Lichtes auf die Kindergruppe, das alles stempelt das Bild zu einem Werke, bei dem man versteht, 
wenn es in Paris, wo es der bekannte Kunsthändler Sedlmeyer ausstellte, höchstes Aufsehen erregte 
und dem damals noch jungen Künstler das Interesse des Auslandes zuführte.  Was hat Walther sirle 
inzwischen alles geschasfen! Sein großes Triptyd1on ,,Vater unser--, das jeden Besucher der neuen Pina- 
kothek, sofern er nicht aus Jnhaltlost"gkeit im Bilde schwört, ergreift; ,,Das Trauerhaus", ,,Die Genesende" 
oder ,,Neuer srühling, neues Leben" (Museum Magdeburg), ,,Der Glaube" (Museum Leipzig), die 
,,Goldene Hochzeit" (Museum Lübeck) und noch eine ganze Reihe anderer Gemälde, die in ihrer Gesamt- 
heit einen Kranz schöner reiser Früchte bilden. In den legten Jahren ist er dann noch zum Porträt 
übergegangen und das Prognostikon, das Iozef Jst-aels ihm stellte, hat sich im besten Sinne erfüllt. Ohne 
das ihm liebgewordene Mitten seiner Stimmungs- und Situationsbilder, denen er ja seinen Ruhm ver- 
dankt, ganz zu verlassen, hat er Menschen gemalt  Menschen mit all ihren Vorzügen und Schwächen. 
Und die Resultate einer kaum zweijährigen, intensiven Tätigkeit ließen erkennen, wie sehr der Künstler 
zum Menschendarsteller prädestiniert war. Wohl mit am besten und vorzüglichsten hat er das Antlitz 
des greifen Prinzregenten von Bayern zu meistern vermocht. Das, was sich in den wundervollen T)-pen 
der Alten in der ,,Kommunion" ahnen läßt, ist hier zur höchsten Blüte gelangt. Und wenn ein Mitglied 
des Königliche-: Hauses sagte, dieses Bild sinke sei das beste, was vom Pkinzregencen ge-schaifM sti- 
so war dies ganz gewiß keine hösisthe Liebenswürdigkeit, sondern gleichsam der Schlußpunkt auf das 
Urteil, in das man sit-les gesamtes bisheriges künstlerisches Schaffen zUfsMMk"fAlTM FAM- 
Arthur Dobsky (Stuttgart)
        

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