Bauhaus-Universität Weimar

MeiiIer der Farbe. 
Um sich in so einer Woche nicht eine schreckliche Verdauungssiörung zuzuziehen, emp- 
fiehlt sich"s, die April-Salons schon vorher zu besuchen und von den Mai-Juni-Salons vieles 
aufzusparcn. Es ist aber doch gut, daß man in einer und derselben Woche einen synthetischen 
Gang durch alle diese Kunstmärkte machen kann  das gibt frische Eindrücke, direkte Ver- 
gleichungen. 
Man muß lange, geduldig, liebevoll auf jeden einzelnen dieser Salons eingehen, um 
herauszufinden, daß es sich da allemal um eine Welt für sich handelt. Man muß sie aber 
allesamt in einem Blick überschauen, um die Bahnen dieser Welten zu erkennen, ihre Ent- 
fernungen, ihre Kreuzungen im All der Kunstschöpfung. 
Wenn es mir erlaubt ist, noch für einen Augenblick Astronom zu bleiben, so möchte 
ich den salon des 1nc16penciants einem Gestirn vergleichen, das noch in seiner vulkanischen 
Periode begriffen ist, die socji-its Nationen: einem lebendigen, die societs des A!-tistes 
Franc;ais einem erloschenen  dem Monde gleich. 
Man kann auch eine Parallele, dieVoltaire (in seiner Prik1c:esse de Bal)y1one) zwischen 
Deutschen, Engländern und Franzosen zieht, auf diese drei Salons übertragen.  Die Deut- 
schen, sagt er, seien die Greise, die Engländer die Reifen, die Franzosen die Kinder Europas. 
In unserer Übertragung: die A:-tistes F:-anc;ais sind die Greise, die soci-F-te Nationen- die 
Reisen, die lnclespcndants die Kinder der großen Pariser Künstlerfamilie. Und Voltaire 
setzt hinzu: ,,Ich ziehe vor, mit den Kindern zu spielen."  Ich auch! d. h., ich freue mich 
persönlich am meisten auf den Besuch der Jnd6pendants. Jeder hat eben seine Schwächen. 
I-Iomines sumus. Wären wir Übermenschen, so hätten wir den einen Salon gerade so 
nötig wie den anderen. Denn dann faßte unser Organismus alle die Kräfte zusammen, 
an die  vereinzelt  die verschiedenen Kunsttendenzen appellieren. 
Bei den Sezessionisten (um das, ich hätte fast gesagt deutsche Wort für die Inde- 
pendants zu gebrauchen) würden unsere Augen ihre Freude holen, die Nationalen würden 
unser Bedürfnis nach Staunenswertem durch ihre Virtuosität befriedigen, die A:-tistes Fran- 
c;ais würden unsere psychologische und historische Neugier fesseln. 
Warum verdammen die Apostel der Sezes s ion z. B. den G:-and Satan (oder, um 
berlinerisch zu sprechen, ,,Moabit"  um münchnerisch zu sprechen, den ,,Glaspalasi-)s 
Weil sie nur Augen haben, nichts anderes, keine philosophischen Grübeleien im Kopf, keine 
sozialen Fragen, keine idyllische Rührseligkeit.  Warum verdammen die großen-Salon- 
Menschen die Sezession-F Weil sie keine Augen im Kopfe haben, dafür aber viel 
anderes   . 
Von unserem Standpunkt aus ist ja nun allerdings Augenhaben die einzige 
Vorbedingung zum Kunstgenuß, Augenweidenschasfen der einzige Zweck der Kunst. Aber 
warum soll die Tätigkeit des Menschen, eine Physiognomie bis in ihr Alle:-einzelnstes -auch 
Unschönes, Unplastisches, Unmalerisches  zu ergründen, geleugnet werdens Die Fähigkeit 
des Menschen, gewisse Augenblicke der Geschichte, gewisse typische Ereignisse des Alltagslebens 
 bloß als solche  festzuhalten, auch wenn sie keinen schönen sarbflecken, keine erhabene 
Linie abgeben sollten? 
Man müßte nur diese menschlichen Tätigkeiten mit einem anderen Wort bezeichnen, 
jegt wo das Wort Malerei von allen sehenden Menschen für die Augen!-unst in Be- 
schlag genommen worden ist. Etwa: Physiognomik  Historiographik.  Dann wäre aller 
Hader geschlichtet. 
chaque etwas Hi sa place. 
In einer Pariser Zeitung meinte der Kunikkritiker, dies sei wohl das legte Lebensjahr 
der Jndöpendants. So toll wie dies Jahr hätten sie"s noch nie getrieben. Solche Toll- 
heit bliebe nicht unbestraft. -Laßt uns unsere schönen Krankheiten!" wenn das krank, wenn
        

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