Bauhaus-Universität Weimar

MeMer der Farbe. 
gebilde der Hüte, Blütezeit unserer ,,sedernschmücker-. Das alles sehr knitterig, brüchig, 
seidengleißend, spigenfiligranig, romantisch. Die Haizinger in ihrer Jugend. Er-zherzogin 
Sophie in ihrer Schönheit. Und nach dem Romantischen das Bürgerliche. Biedermeier. 
Spiegelnde Scheitel, glatt an den Schläfen klebende: die brünette srisur. Lange Schmacht- 
locken, blonde Kot-kziehersyfteme: die blonde srisur. Was aber Vertauschungen nicht hinderte. 
Die ,,Prasser" Danhausers, die stauen Waldmül1ers, die Mütter Makarts. Das ,,rote Jahr" 
ändert für die Damen wenig. Demokratische Vollbärte können sie sich doch nicht wachsen 
lassen; sie haben sich auch der Backenbärte enthalten in der bacl!enbärtigen Jakobinerzeit. 
Sparsame Tracht, mit ,,Band"ln" statt der Bänder, mit ,,Hafteln" statt der Knöpfe. Sehr 
bürgerlich, nur die lange spitze Schnebbe der Taille ist noch feudaI. Dann der volks- 
wirtschaftliche Aufschwung des zweiten Kaiser:-eiches; Talma, Burnus, Kaschmirschal und 
als Gerüst der ganzen Aufgeblasenheit die Krinoline. Die dritte Inkarnation des Vertugadin 
und des Panier. Alle Hühnersteigenscherze der Nestroy-Zeit flattern im Gedächtnis wieder 
auf; alle Reifrocksituationen der populären Wit3blattzeichner. Und dabei die schwere Menge 
Weltgeschichte. Zuavenhemden, Gar-ibaldihemden. Zur Abwechslung das kurze Kleid (mit 
K!-inoline!) des Strandes von Biarrig und Ostende; der Torerohut darüber, oder das 
Teller-hütchen, dieses cerevisartige Ungeheuerchen auf der Stirn, mit den End:-mitäten des 
Chignons hinter sich- Chignon mit Gregarinen; Blähfrisur mit mikroskopifchem Ungeziefer. 
Dann Krach, Krach, Sedan .  . Umschwung, Erneuerung, Moder-niiierung, Präraffael, Sport. 
Die Gestalt besinnt sich wieder auf ihre Menschlichkeit, der For-msinn der Formen erwacht 
wieder. Modellierte Körper, Jersey, englische Kleider . . . mörderischer Kampf gegen Tuniken, 
gegen Tournüren, dazwischen immer wieder krinolinische Drohungen . . . Sieg der natür- 
lichen Natur . . . der übernatürlichen Natur . . . Empfindungslinie, die persönliche Kurve, 
Sezessic-n, Reformkleid. 
Halt! Halt! Mir schwindelt. Zu viel des Guten und Schönen . .  denn kein Zweifel, 
das alles war gut und schön. Auch das Schlechte und -,5äßliche, solange es lebendig war 
und seinen Inhalt die nämliche, unsterbliche, eine und immer wieder andere Eva bildete. 
Die "Wienerin, die stets von neuem verjüngte, niemals alter-nde, Moden schaffende, Moden 
verzehrende, der lebendige Urquell der Wiener Mode. 
Frau v. Staöl erzählt in ihrem Buche über Deutschland, sie habe in Wien eine 
Komödie gesehen, worin Harlekin einen lustigen Streich ausführt. Er erscheint in großer 
Robe und Perücke. Plötzlich verschwindet er auf unerklärliche Weise und auf der Bühne 
steht bloß die Robe und obenauf die Perücke. . . . Das fällt mir ein, indem ich von der 
Wiener Mode spreche. Nur ist es hier umgekehrt. Hundert Moden verschwinden, eine 
nach der anderen- spurlos, auf der Bühne aber steht immer wieder, unverletzt und blühend, 
die Wienerin. 
Ich wollte rasch noch einmal durch die fünf oder sechs Sake gehen, wo jegt in der 
Herbstausstellung des Künstlerhauses die Viennensia-Sammlung des kaiserlichen Rates Wil- 
helm Boschan zu sehen ist. Aber so oft ich diese Bilder-wände ansehe, schwinden mir die 
Stunden unvermerkt. 1Ehemaliges Wien, ver-schwundenes und ver-schwindendes Wien, un- 
bekanntes Wien, ländliches Wien, zwischendurch nagelneues großwiencrisches Wien, verkehrs- 
technisch gestimmtes Zukunfts-Wien, stadtverengtes und stadterweitertes, auf- und abgegrabe- 
nes, um- und eingegrabenes Wien, elektrisch-hekcisches Wien  es ist wirklich ein gewaltet 
Mikrokosmos. Was für eine malerische, idyllische, alt:-omantisch-altbürgerliche, krähwinkelhaft- 
metropolisch gemischte Groß-Kleinstadt oder Klein- G:-oßstadt haben wir gehabt, haben wir 
zum Teil noch, . . . glücklicherweise! Es ist köstlich und kostbar. Die meisten Leute merken 
es erst, wenn sie es gemalt sehen, womöglich so klein, daß sie es in die Tasche stecken 
könnten. Dann gewinnt alles eine Art Bijouformat, der Schmutz wird sauber, der Verfall
        

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