Bauhaus-Universität Weimar

Wo steht das deutsche Volk mit feiner Kunst? 
Als das gebildete romantische Interesse an dem Inhalt Böcklinscher Malereien den 
Widerstand und Abscheu gegen seine Farben einmal überwunden hatte, war es selbstver- 
ständlich, daß i7ch das leidenschaftlich erweckte Gefühl für die Malerei poetiscl)er Vorwürfe 
auch andern Malerpoeten zuwandte. Zwar stand denen anfänglich Böcklin sehr im Licht, 
aber schließlich lösten sich ihre Gestalten doch deutlicher vom ungewissen Hintergrunde ab, 
und heute ist Böcklin durchaus nicht mehr ihr Herr und Meister, wie etwa Leibl in seinem 
Kreis. Sehr bald trat Hans Thoma, den die gebildeten Böcklinschwärmer anfänglich als 
eine Art bäuerlichen Nachahmer ihres Meisters geringschägen wollten, mit dem germanischen 
Gegenbild seiner romanisch romantischen Welt neben ihn ins hellste Licht. Er versuchte es 
zwar auch eine Zeitlang mit Zentauren und sischmännern; aber was ihm sein Volk jubelnd 
dankte, waren sein Mondscheingeiger, seine Märchenerzählerin, der Hüter des Tals, der 
Kinder1-eigen. Hatte Böcklin den Gebildeten ein farbenbuntes Abbild ihrer Vorstel1ungswelt 
geschaffen, so gab Thoma dem Volk die schlichte Anschauungswelt des deutschen Voll-slieds, 
der Märchen und Sagen; und da gleichzeitig mit der neuen Bauweise und der Heimatkunst 
überhaupt der Sinn für bürgerliche Schlichtheit bis zur neumodischen Bieder1neierei zurück- 
kam aus der Ritter- und But-genromantik der vergangenen Jahre, so wurde die Kunst von 
Hans Thoma das bejubelte Sinnbild der deutschen bäuerlichen und bürgerlichen Welt. 
Was sich neben dem Schtveizer und dem Schwarzwälder sonst als Malerpoet dem 
deutschen Volk auftat, ging ihm nicht so ans Herz wie diese beiden. Zwar schwärmte es 
abwechselnd noch für Klinger und Segantini, selbst für Stück. Aber keinem hielt es so die 
Treue. Klinger, der Böoklin in seinen Radierungen zuerst am nächsten gestanden hatte, 
schien ihm bald zu literarisch; Segantini ging ihm mit seiner strengen und fast mühsamen 
Technik zu sehr ins A:-tistische, und daß Stuck mit seiner ,,Sünde" mehr von der Böcklinmode 
profitierte, als es ihm mit seiner V'rrtuosität allein gelungen wäre, darüber ließ es sich gleich an- 
fangs durch entzückte K:-itiker kaum hinwegtäuschen. Dagegen gönnte es zwei Großen, Mai-des 
und Feuer!-ach, den wohlverdienten Ruhm, obwohl es zu beiden bis heute mehr in Fühler Be- 
wunderung als in schwärmerischer Liebe steht. seuerbachs Welt stand ihm zu fern; er blieb 
mit seinen Gestalten zu sehr im Historischen gebunden. Ihre formale Größe ahnte es nicht, 
es sah nur eine kühlere, grauere Art von Makart; den legten Historieumaler klassischer 
Richtung. Wenn Böcklin ihm einen heiligen Hain malte, oder eine Toteninsel, dann wußte 
er aus dem vorhandenen Schatz seiner Symbolik ohne historische Vermittlung, was damit 
anzufangen war; eine Medea oder ein Gastmahl des Plato bedurfte wiederum gerade jener 
Umsex),ung, durch die ihm seine Historienmaler verleidet waren. Daß die künstlerische Größe 
dieser Bilder unabhängig von ihrem Gegenstand war, vermochte es nicht zu sehen, hatte es 
auch weder bei Böcklin noch bei Thoma gelernt, die ihm gerade durch den Einklang von 
Malerei und Gegenstand so lieb geworden waren. 
Mars;-es wird dem deutschen Volk eigentlich erst in den letzten Jahren nahegebracht. 
Daß es diesen Künstler jemals so lieben könnte wie jene beiden, scheint ausgeschlossen. 
Genau genommen rechnet es ihn auch nur deshalb mit unter die Malerpoeten, weil er sich 
menschlich und künstlerisch mit dem jungen Böcklin berührte, mit dem er gemeinsam an- 
fänglich ein Schüizling des Grafen Schack war und durch dessen Ruhm auch sein Name als 
eines ,,Vorläufers" ins Licht kam. Heute wissen die Einst"chtigen von ihm, daß er mehr 
als die beiden Vollender Böcklin und seuerbach ein Sucher war, daß er als solcher reiner 
und strenger in den künitlerischen Problemen blieb; farbig wie kompoiitionell reicher aber 
weniger handgreiflich: eine Quelle für Künstler vornehmer Art mehr als eine Kunst fürs 
Volk, dessen Bewunderung vor ihm immer nur ein suggeriertes Staunen bleiben wird. 
Worin die Tragik und der weitreichende Einfluß seiner künstlerischen Arbeit liegt, das zu 
erkennen, bedarf es für unser Volk erst wieder jener Entwickelung monumentaler Bildvor- 
fkel1ungen, die sich  und das wird das Tragische daran bleiben  von einem anderen 
Künstler ausgehend, in anderer Richtung vorzubereiten scheint. 
Wie Mardes vor Böcklin stand Emil Lugo vor Thoma, empfindlicher organisiert als
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.