Bauhaus-Universität Weimar

John GuIich 
(gcb. 1864 in London, gest. 1898) 
Eine Virtuoiin 
475 
Diese Zeilen gelten dem wohlverdienten Ruhme eines großen Künstlers wie auch dem treuen Ge- 
denken an einen lieben persönlichen Freund, als den ich Iohn Gulich stets im Gedächtnis bewahren werde. 
Er wurde im Dezember J864 als Sohn des Londoner Kaufmanns Hermann Gulich geboren und in der 
Charterhouse-Schule erzogen. Schon damals zeigte sich ein tiefes Interesse bei dem Knaben für die Musik, 
er nahm Violinunterricht und wirkte bei den Schulkonzerten tätig mit. Nach Absolvierung der Anstalt kam 
er in das Kontor des Vaters, später zu weiterer kaufmännischer Ausbildung nach B:-emen. Indessen schon 
als Schüler hatte sich sein zcichnerisches Talent offenbart, als er Xenophons Anabasis in freier Manier illu- 
strierte und später, nach seiner Rückkehr von Bremen, konnten die Löscbblätter und die Schreibunterlagen 
mancherlei von seiner Kunst im Karikaturenzeichnen erzählen. Sein Vater setzte seinem künstlerischen Streben 
den größten Widerstand entgegen und als Iohn schließlich doch erklärte, in der Kunst sein Glück versuchen 
zu wollen, wurde ihm väterlicherseits klar gemacht, daß auf eine materielle Unterstügung nicht zu rechnen 
sei, er sich vielmehr selbst seinen Unterhalt verdienen müsse. Ein harret- Kampf begann. Aber glänzende 
Chamktereigenschaften und unbeugsame Ausdauer halfen ihm die Sorgen tragen. Er hat es mir selber er- 
zählt, daß, als die Not am größten und Untergang oder Aufgabe seiner Kunst die Frage war, ein Scherz, 
den er einer billigen illustrierten Zeitschrift, ,,Scraps", gesandt hatte, von der Redaktion angenommen und 
mit einer Guinee honoriert wurde. Diese Guinee genügte, um den Kampf um seine Künstlereristenz für eine 
weitere Woche aufzunehmen. Ia, noch mehr: wo ein Scherz Anklang fand, würden ja wohl auch weitere 
aufgenommen werden; und so war es. Lange Zeit lebte er von den Guinees, die ihm seine wöchentlichen 
Beiträge in den ,,Scraps" einbrachtcn. Es steckt ein grimmiger Humor darin, aber die Situation war ge- 
rettet. Nicht ohne ein Gefühl der Dankbarkeit nehme ich jet-,t noch hin und wieder das Blatt in die Hand; 
es existiert heute noch und verkürzt dem Officin-boy die Langeweile. Inzwischen fanden Iohn Gulichs wahr- 
haft große Fähigkeiten als Illustrator, wenn auch langsam, Anerkennung. ,,Pictorial World" nahm erst 
seine Zeichnungen und übertrug ihm später einen Sitz in der Redaktion. Es war ein ausgezeichnetes Blatt, 
dessen ich mich heute noch gern erinnere; jegt ist es längst eingegangen. Damals gab es harte Arbeit für 
unseren Künstler. Ost habe ich ihn vierzig Stunden fast ununterbrochen schaffen sehen, um ein rechtzeitiges 
wöchentliches Erscheinen des Blattes ermöglichen zu können. Aber welch schönes Gefühl, wenn die Arbeit 
fertig und auf die Post gegeben war und wir mit dem Geld in den Taschen rufen konnten: Was kostet 
London? Damals gehörten unsere Abende oft der Heatherley-Zeichenschule; hier vervollkommnete Gulich 
seine Kenntnisse im Figu1-enzeichnen erst wirklich, später verband er sich der Langham-Künsllergenossenschaft. 
Als ,,pictorial World" zu erscheinen aufhörte, bekam er einen Redaktionsposten des ,,Graphic" und wurde 
bald einer seiner besten Illustratoren. Damals lebte in West-HamPstead eine kleine Anzahl Künstler, für 
die Gulichs Atelier der Mittelpunkt geselliger Unterhaltung und geistiger Anregung war; auch gute Musik 
gab es dort oft zu hörest. Wir haben ja schon früher gesehen, in welch inniger Beziehung bereits der 
Knabe zu dieser Kunst stand. Das ,,Violinkonzert," das wir hier bringen, ist also der Ausdruck seiner ur- 
eigensten Empfindung. Ein junges Mädchen läßt die Töne erklingen, die ihm die Eingebung ins Ohr 
flüstert; wir fühlen, wie sie ein ganzes Orchester leitet, wie sie die Seele der Harmonie verkörpert und alle 
in ihrem Banne hält! Das herrliche Aquarellgcmälde war im Royal-Institut J8g9 ausgestellt und veran- 
laßte die Aufnahme des Künstlers als Mitglied dieser Gesellschaft. Es war sein erster großer Erfolg, ab- 
gesehen von seiner Tätigkeit für die Zeitschriften. Es schien für ihn der Anfang einer glänzenden Laufbahn 
auf dem höchsten Gebiete der Kunst  da starb Gnlich noch im selben Jahre am Typhus. Sein Verlust 
war für die Kunst Englands ebenso groß, wie für seine zahlreichen Freunde. Das Bild wurde der National 
Gallery von Sir Ha:-ry Tate Z899 geschenkt. Secwy-: Bei-no- (Loi-do-i)
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.