Bauhaus-Universität Weimar

Albert Lebourg 
(geb. 1849 in Montfort-sur-Risle [D6p. Eure] 
lebt in Paris) 
Die seine bei Bougiva1 
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Die hier in den Farben des Originalgemäldes getreulich reproduzierte LandschaftsdarstelIung von den 
Seine-Ufern bei Bougival, die man natürlich nicht aus nächster Nähe, sondern  so wie jede in Naturwirklichkeit 
gegebene Lan-dschaft  aus einer gewissen Entfernung zu betrachten hat, und die, aus diesem erforderlichen Ab- 
stande gesehen, dem Auge des Beschauers so ungcmein zarte Luftton-Nuancen und eine so lebendige und natur- 
wahre Harmonie sanft ergreifender Farbenakkorde darbietet, gehört hierin wie auch in der virtuosen Sicherheit ihrer 
malerischen Durchführung zu den charakteristischsten Pinselschöpfungen Albert Lebourgs, eines der beliebtesten unter 
den zeitgenöfs1Tcl)en Landschaftsmalern der französischen Schule. Jeder vertraute Kenner der atmosphärischen Stim- 
mungen der Jle de France, der klaren und lustigen Horizontlinien des Seine-Tales, der so eleganten und graziösen 
und dabei doch so natürlichen und so maiestätischen Laufwindungen unseres herrlichen, ruhig fließenden Seine- 
Stromes wird in Lebourgs Landschaftsgemälden die jeglicher schroffen Gegensätze und eklatanten Effekte entbeh- 
renden, aber dafür um so intimeren Reize der rings um Paris sich weitenden Campagna  die in dieser Jntimität 
so innig harmoniert mit der französischen Volksseele  mit bewunderndem Entzücken natur-wahr widergespiegelt 
finden. Jn der einseitigen Bevorzugung eines bestimmten Landstriches steht Lebourg übrigens unter den modernen 
französischen Landfchaftern keineswegs vereinzelt da. So widmete sich L(-:pine fast ausschließlich der malerischen 
Verherrlichung des Seine-Laufes innerhalb des Pariser Weichbildes,  Boudin malt nur normannische Küsten- 
szenerien  Cottet und Dauchez kennen nur die Bretagne. Wenn gleich ihnen auch Lebourg nach einer Erstlings- 
periode des Suchens und Tasiens sein prächtiges Talent in den Dienst einer einzigen Sondervorliebe stellte, so 
wußte er dafür eine an verführerischen, zarten und mannigfaltigen Reizen um so reichere Gegend seines französischen 
Heimatlandes auszuwählen,  eben den Seine-Lauf zwischen Paris und Rouen, dessen mannigfach wechselnde 
Schönheiten er nun in immer neuen und dabei jederzeit von der gleichen brennenden Natur- und Wahrheitsliebe 
durchtränkten Farbendichtungen verewigt. Ganz besonders liebt er die westlich von Paris den Stromlauf ver- 
langsamenden Mäanderkrümmungen der Seine, wobei er der Darstellung des Stromspiegels selbst in der Regel 
einen weit größeren Teil der Bildfläche einräumt, als es auf dem hier wiedergegebenen Bilde geschehen ist: Also 
weniger den Ufern der Seine, als dem Seine-Strome selbst sind seine bezaubernd eigenartigen Fa:-benpoesien ge- 
weiht, die uns darum so häufig an Guy de Maupassants dichterische Verherrlichungen des in Sonnenlicht gebadeten, 
mit grünenden Jnseln belebten und von munteren Schiffen durchfurchten Seine-Spiegels bei Bougival gemahnen.  
Seit J893 Mitglied der socic-its: Natiok1-ils des Be-aux-Arts, gibt sich Albert Lebourg dem Beschauer seiner Bilder 
auf den ersten Blick als ebenso kühner wie persönlich gearteter Verfechter impressionistischer Überzeugungen zu- 
erkennen, der die Malwerke Manets studierte, mit Pissarro und Claude Monet gemeinsame Wege wandelte und 
namentlich von der Kunst Sisleys sich wahlverwandtschaftlich angezogen fühlte. Um so mehr wird man überrascht 
sein zu erfahren, daß dieser begeisterte Freund des Seine-Tales, der seine Tage jetzt in dem eng umgrenzten Gebiete 
zwischen den Seine-Kais, Bougival und La Bouille ver-lebt, ehedem beinahe Or-ientmaler geworden wäre. Hat doch 
unser in einem der idlIyischsten Seitentäler des Eure-Flusses gebotener Normanne mehrere Jahre feiner Jünglingszeit 
in Algier zugebracht, um dort Hafen- und Stadtansichten, arabische Straßenszenen und bisweilen sogar Jnnendar- 
stellungen von Moscheen und Bazaren zu malen. Der heutige Pariser Campagna-Maler, der sich von den Seine- 
Ufern höchstens einmal in die Jle-de-France oder in die Täler der Picardie verliert, hat also dereinst einmal für das 
Stadtleben und die wasserarme und sonnenverbrannte Küstenlandschaft Algeriens sich künstlerisch zu enthusiasmieren 
vermocht. Diese Tatsache liefert uns wiederum einen Beweis für die alte Erfahrung, daß ein Künstler, der das 
Land des blendendsten- Sonnenglanzes mit begeistertstem Eifer studierte, die intimeren Stimmungsreize und Stim- 
mungsnuancen seines nordischen Heimathimmels und Heimatbodens um so eindringlicher zu beobachten und malerisch 
wiederzugeben vermag. Vielleicht hat Lebourg den in Algier verlebten Jugendjahren jene Breitflüssigkeit, Klarheit 
und Lebhaftigkeit der Farbengebung zu verdanken, die auch all seinen späteren Malwerken zu eigen geblieben ist. 
Jedenfalls aber ist er aus dem sonnigen Afrika mit einer gesteigerten und verfeinerten Empfänglichkeit für Farben- 
und Lichtwerte und atmosphärische Stimmungsphänomene in die Heimat zurückgekehrt und hat deren dunst- 
verschleierte Himmelsgewölbe und friedlich zwischen grünenden Uferböschungen dahingleitende Flußläufe dann um 
so inniger bewundern und lieben gelernt. Iean de For-itle (Paris)
        

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