Bauhaus-Universität Weimar

 
()I(T0BER. 1911 
A-mmer ungeheurer sd.)willt die Riesenmasse der Kunstwerke an, die Jahr 
. für Jahr in Deutschland hervorgebracht werden. Ein kolossales, nie 
sich erschöpfendes, täglich wachsendes Angebot steht einer be- 
scheidenen Nachfrage gegenüber  ein Zustand, dem der National- 
ökonom und der Kunstfreund gleichermaßen mit Entsetzen Und Ver- 
zweiflung zusehen. Die Kalamität hat allmählich ein geradezu bedrohliches Gesicht 
angenommen, und alle Versuche, in den für alle Teile gleich unerträglichen Ver- 
hältnissen Abhilfe zu schaffen, haben sid) bisher als Schläge ins Wasser erwiesen. 
Es ist charakteristisch für die Situation, daß unaufhörlich neue Bücher Und 
Broschüren auf den Markt geworfen werden, die das ,,Elend der Künstler", das 
,,Künstlerproletariat", ,,Kunst und Wirtscl)aft- und ähnliche Themata -behandeln. 
Wie viele Künstler haben mir nicht im letzten Jahre mit sorgenvollen Gesichtern 
gegenübergesessen und ein stattliches Schriftstück aus der Tasche gezogen, in dem, 
als Früchte langer Uberlegungen, allerlei Vorschläge zur Abhilfe formuliert waren! 
Nicht Enttäuschte und Unzufriedene, sondern Gutgebettete, die der kollegiale 
Jdealismus zur Abfassung dieser Erpos(-Es trieb. Doch was man auch ins Auge 
fassen mag  es enthüllt sich dem kritischen Blick im nächsten Moment als 
phantastisch und undurchführbar oder unzulänglich und wirkungslos. Ungesunde 
Zustände, die so langsam eingetreten sind, können nicht, wie Bismarck sagte, ,,bis 
zum nächsten Donnerstag" gesunden. 
Die -5auptforderung, die man stets aufs neue aufstellen muß, die einzige, die einen 
Teil der Schäden bessern kann, ist und bleibt immer die einer gründlichen Reform 
der Akademien und Hochschulen, dieser staatlichen Züchtungsanstalten der Uber- 
produktion, und innerhalb dieses Kreises die kategorische Forderung: daß nur solche 
Personen in einer öffentlichen Kunstunterrichtsanstalt Aufnahme finden, die  ein 
Handwerk gelernt haben! Denen also später ohne weiteres der Rückweg zum 
Kunstgewerbe, zur angewandten Kunst im weitesten Sinne offen steht. Junge 
Männer (und Mädchen) dieser Art mag der Staat ausbilden. Reicht das Talent 
 vom Genie zu schweigen, das sich seinen Weg allein bahnt  so werden sie 
schon von selbst vorwärts dringen. Beicht es nicht, um die bürgerlich-wirtschaft- 
liche Basis zur Ausübung eines Lebensberufes abzugeben, so bleiben ihnen hundert 
Möglichkeiten, ihre Begabung zu verwerten. 
Ich weiß es wohl: das ist kein Allheilmittel, mit dem man ein für alle Male 
die Unzuträglichkeiten aus der Welt schaffen würde. Aber vieles wäre dadurch 
gebessert, zahllose Menschen würden vor quälenden Kämpfen bewahrt und in den
        

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