Bauhaus-Universität Weimar

Adolphe Willette 
(9cb. 1857 in chälons-sur-Morde; lebt in Paris) 
Rotkö.ppd1en 
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Adolphe Willette wurde in Chälons-sur-Marne geboren. Das ist reiner Zufall, denn 
seine Muse ist Pariserin. Pariser ist auch er ganz und gar, mit Leib und Seele! Wir müssen 
Also schon damit einverstanden sein, daß die Champagne seine Heimat ist, daß er Lateiniscb 
Und Gtiechisch auf dem Lyceum von Dijon gelernt hat und daß er alljährlich ein paar Monate 
in einem hübschen Schlosse des Cotentin zubringt. Wir wollen auch gern davon überzeugt sein, 
daß er nach dem Abgang vom L;-ceum die Schule der schönen Künste besuchte und Schüler 
von Cabanel wurde. Aber alle diese 8akta seines Lebens haben mit seiner Kunst wenig oder 
gar nichts zu tun. Willette ist ein echt par-iserischer Name, so recht dazu angetan, um populär 
zu werden und leicht von den Lippen der Franzosen zu fließen, er paßt für den geistvollsten 
französischen Zeichner unserer Zeit. Cabanel, ein Künstler ohne außergewöhnliche Begabung, konnte 
Willette schlechterdings nicht viel mehr als die Technik des Zeichnens beibringen. Ich glaube 
übrigens, daß Willette auf der Schule der schönen Künste kein allzu folgsamer Schüler war. 
Sicherlich hatte er nicht den Ehrgeiz, nach Rom geschickt zu werden. Trotzdem ist seine Seele 
voll von Poesie; aber diese Poesie hätte sich schlecht mit den ernsten Linien der Villa Medici ver- 
tragen. Anstatt nach den Hügeln Roms zu ziehen, ging er nach der Butte Montmartre. Da war 
er in seinem natürlichen Element. Willette wurde besonders volkstümlich durch seine molligen 
Lithographien und die unzähligen Zeichnungen, die er in den Pariser Journalen verösfentlicht hat: 
scharmante Jmprovisationen, voll von spottender Lustigkeit, die durch eine weiche Zartheit gedämpft 
wird, im einzelnen fein durchgearbeitet, obwohl rasch hingeworfen. Aber er stellt auch als Maler 
seinen Mann. Der Salon von J88J brachte von ihm eine ,,Versuchung des heiligen Antonius- 
und Z88Z einen ,,Spit3buben". Auf den Salons der Socistd Nationale des Braut-Arts zeigte 
er einen entzückenden Plafond (Z900), der M. Th6ophile Belin, dem bekannten Buchhändler, ge- 
hört und eine ,,Heilige Jungfrau" (Jg07) mit zartem und fein durchgeistigtem Gesicht. Seine 
Dekorationen für das kleine Theater La Cigale, den Ball Tabarin, die Taverne de Paris und die 
Aal-erge du Clou, Orte, die der Pariser Bohdme wohl bekannt sind, sind mit einer Lebhaftigkeit 
des Pinsels heruntergestrichen, die den Eingebungen seiner rasch arbeitenden Phantasie entspricht. 
Als Willette aufgefordert wurde, nicht mehr ein Kabarett des Montmartre, sondern einen Saal im 
Rathause von Paris zu dekorleren  hat er weder auf seine Phantasie, noch seinen lebhaften 
Humor verzichtet: er hat das vielseitige, pittoreske Schauspiel einer Straße von Paris gezeigt, die 
von Bürgern, Packträgern, Polizisten, Laufburschen und dem Konditorjungen, der nie fehlen darf- 
belebt wird. Das ist aber bei alledem mehr als eine bloße Skizze. Es ist trog der Zwanglosig- 
keit des Stiles ein Stück Geschichte.  Es ist klar, daß ein Künstler so sympathischcr Art, sranzose 
mit Leib und Seele, den Wunsch empfinden mußte, die Märchen und alten Sagen der Franzosen 
zu illustrieren, die einen so frischen Erdgeruch ausströmt-n. Das Bild ,,Rotkäppchen-, das wir 
hier reproduzieren, ist in der Tat entzückend und echt französisch. Es bildet einen Teil eines Wand- 
schirmes, der dem Künstler von M. Theophile Belin bestellt wurde. Jeder Teil dieses Kunstwerkes 
ist einer der Geschichten von Perrault gewidmet. Dieser hier ist ihm zweifellos am besten gelungen. 
Es ist das am meisten charakteristische Bild und man kann es ruhig sagen, das am meii"kM MM0MsI8- 
Solchen Spinne-ocl?en, wie ihn Willette hier gemalt hat, sieht man nicht nur im That Not:-, einen 
so alte:-tümlichen Armsessel und dieses enorme bretonische Bett, in dem der Wolf die Rolle der Groß- 
mutter spielt, findet man sehr wohl auf dem Lande in Frankreich. Wenn man das kleine nackte 
Mädel anschaut, das mit der roten Kappe auf dem Kopf so ungeniert und lustig vor dem großen, 
auf dem Bilde selbst nicht sichtbaren Kamin steht, der es beleuchtet, so fühlt Mist! schon beim 
bloßen Anblick: das is: eine kleine skanzzsii-! Jan-ohc, sie ist französisch und ohne Zweifel auch 
ein wenig pariserisch! Sie gleicht so recht der Muse Willettes: ungezwungen, lustig- MtzüCkMd 
natürlich und  sie hat keine Angst vor dem Wolfe. Im! de F0vilie (Paris)
        

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