Bauhaus-Universität Weimar

Otto H. Engel 
(gcb. 1866 zu E:-bach im 0denwuld; lebt in Berlin) 
Friesisches Dorf 
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Spielende und spazierende Kinder bei lachendem Sonnenschein in blühender dörflicher 
srühsommerlandschaft. Eins redet als kleine Mama mit einem Püppchen. Ein anderes macht sich 
mit den Steinchen am Boden zu schaffen. Ein drittes hat beim Krämer Einkäufe gemacht und will 
nach Hause, während die noch jüngeren Geschwister sich an der Schürze des Schwefterchens fest- 
halten . . . . Klingt das nicht ganz nach den ,,herzigen" Effekten der in ihrem Herrn selig ent- 
schlafenen ,,Genremalerei"H Aber Otto H. Engel darf es sich getrost erlauben, eins feiner prächtigen, 
frischen sriesenbilder mit solchem Figur-enwerk zu bevölkern. Seine gesunde, ernste und ehrliche 
Kunst ist immun gegen den Verdacht, durch Niedlichkeiten die Gunst der Menge erhaschen zu 
wollen. Wenn er ein Motiv dieser Art einführt, so ist es eher fast wie ein luitiger Protest 
gegen die komische Angst unserer superklugen Zeit vor allem, was nur von fern als  
,,Inhalt", geistige, seelische, phantastische oder gemütliche Beziehung, kurz als ,,Literatur" in 
der Malerei bezeichnet werden könnte. Jede künstlerische Bewegung ist auch Gegenbewegung- 
und es ist nicht abzusehen, warum auf eine Epoche, die nichts als das Nurmalerische in der 
Malerei schätzt und alles verachtet, was darum herumliegt (und doch sehr wohl ins Herrschafts- 
gebiet der Malerei fallen kann), nicht auch einmal wieder eine andere Epoche folgen sollte, die 
ihre Kreise weiter schlägt. Engel darf solche Versuche wagen, weil er niemals ins Erzählen 
hinabgleitet, sondern immer beim Darstellen bleibt. Weil er sich auch durch einen gegenständ- 
lichen Reiz nicht von der großen Hauptforderung ablenken läßt, die Farben-, Licht- und Luft- 
werte seines Themas gegeneinander abzuwägen und zu ordnen. Weil er kein Novellist wird, 
sondern ein Maler bleibt. Daß er mit der Buntheit und leuchtenden sarbigkeit feiner nieder- 
deutschen Bauernwelt, mit der Herbheit ihres Landes und der Klarheit der scharfen Luft, die 
darüber hinweht, auch den sehnigen Charakter ihrer Rasse, das Behagen ihres stillen Lebens- 
ihr kinderreiches samilienglücl? schildert, kann sein Werk nur bereichern. Wie fein benutzt er 
in unserem Bilde die Staffage, um die künstlerischen Absichten zu betonen. Die Verteilung der 
beiden Gruppen  die drei im Vordergrunde, die zwei im Mittelplan  dazu das Schreiten 
der ersteren ins Bild hinein helfen mit, die Raumillusion zu erhöhen. Neben den winzigen 
Gestalten der Kinder erscheinen die prangenden, hochstrebenden Bäume und das würdig-behäbige 
Dach des Bauernhauses rechts noch ragender, mächtiger; neben dem Getrippel und der leben- 
digen Bewegtheit der Kleinen wirken diese stummen Zeugen des döt-fliehen Friedens noch 
majestätischer, urtümlicher, wirkt die menschenleere Stille des Hintergrundes noch weltenfeMet'i 
Heil leuchten aus Schatten und Sonnenglanz die Schürzen und Kleider und die Blondköpfe 
am Wege, die wie große Heckenblumcn herübergrüßen. Und lustig blinkt das Rot des Puppen- 
kleidchens aus den grünlichen und braungrauen Tönen hervor, die das Ganze beherrschen. Alles 
aber, Bäume und Häuser, Hecke und Wiese, Zauntor und Weg und die Kinder, die zu dieser 
Umgebung und diesem Boden gehören, umströmt die laue, milde Luft und das hell herab- 
flutende Tageslicht. Man glaubt einen zufälligen Ausschnitt vor sich zu haben Und steht 
doch vor einer sorgsam erdachten Bildeinheit, deren geschlossene Ruhe von einem f0 reifen 
Kunstverstand hergestellt ist, daß sie als Selbstverständlichkeit, als Natur wirkt. 
May Osborn (Berlin)
        

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