Bauhaus-Universität Weimar

Athen hat sich seit dem letzten halben Jahrhundert nicht gerade verblüsfend, 
aber doch sXetig und ansehnlich entwickelt. Während es x85I nur Z0o00 Be- 
wohner zählte, war die Einwohnerschaft x907 auf x67ooo gestiegen. Und anders 
als andere Großsiädte  o Deutschland! o Berlin!  wollte es nun beizeiten 
daran denken, sein weiteres Wachstum vorausblickend zu regeln und im Zusammen- 
hang damit die notwendigen Reformen des älteren Stadtbildes in Angriss zu 
nehmen. Es lagen dazu bereits allerlei EnFwürse vor, die aber nicht befriedigten, 
und so wandte man sich an Hoffmann. Ubrigens war die architektonische Ver- 
jüngung Athens schon früher, seitdem es die Königsresidenz des modernen grie- 
chischen Staates geworden, zum guten Teil in deutschen Händen. Gleich in den dreißiger 
Jahren des vorigen Jahrhunderts kam Klenze dorthin, um den Plan der neuen Haupt- 
stadt zu prüfen, baute Gärtner das Schloß des Wittelsbachischen Basileus. Später 
war nach der Münd)ener die Wiener Schule von Einfluß, und Theofilus Edvard 
Hausen, der in (j)sierreich heimisch gewordene Däne, errichtete den Prachtbau der 
Akademie der Wissenschaften. Alle diese Architekten wie ihre Nachfolger fanden 
hier die kösilichsie Gelegenheit, ihre hellenisiische Bildung zu nutzen. Die antiki- 
sierenden Formen mochten anderswo oft genug doktrinär erscheinen: in Athen 
stimmten sie zur Vergangenheit deer Stadt, paßten sie in die Luft und auf den 
Boden des Landes. An diese Uberlieferungen und an die Tradition der regel- 
mäßigen Stadtbebauung, die sich logisch aus der Bauweise der Einzelgebäude 
mit ihrer starken Betonung der Horizontalen und Vertikalen ergab, hat Hoffmann 
angeknüpft und mit vorbildlichem Takt dazu den Ausdruck moderner künstlerischer 
Empfindung und die Erfüllung praktischer Forderungen abgestimmt. Er schafft 
für Athen zunächsk einen Zentralbahnhof, legt vor ihm einen Empfangsplatz 
von schlichter Monumentalität an, von dem eine breite neue Einzugss7craße ins 
Innere führt, und geht von hier Schritt für Schritt in die einzelnen Viertel, überall 
die Fehler der älteren Pläne mit einfachsten Kunsigrifsen (und mit Rücksicht auf 
die verhältnismäßig bescheidenen Mittel der Athenienser) mildernd und ausmerzend, 
das Wirrsal ordnend, das Ganze zu einem einheitlichen, künsilerischen Organismus 
gesialtend. Wie er dabei die herrliche Lage Athens zwischen Argaleos und 
Parnesgebirge, Pentelikon und Hymettos und mit den aus der Stadt selbsi 
emporrvachsenden niedrigeren Höhen ausnutzt, wie er in klarer Disposition Ver- 
kehrsadern und siillere Wohnsiraßen, gedrängte Baugruppen und freie Plätze 
von saalartiger Geschlosfenheit wechseln läßt, den Plätzen durch schattenspendende 
Kolonnaden, durch Terrassen, durch versireute antike KtmskWekke ChaMkte17v0llen 
Schmuck verleiht, den künftig notwendigen öffentlichen Gebäuden schon jetzt die 
richtigen Stellen sichert  das ist meistet-haft. Wir Deutsche dürfen stolz sein, 
daß Athen, dies Herz der alten Welt, von uns aus die Wegweiser seiner modernen 
Versüngung erbeten und erhalten hat. 
Der Künstler aber, der das alles ersann, hat in Berlin in skädtebaulichen Fragen 
 kein Wörtlein mitzureden! Denn er ist dort Chef des siädtischen Hochbauamts, 
jene Fragen aber gehören ins Resfort der Tiefbauverwaltung und  gehen ihn 
darum nichts an! So ist die Ordnung, so will es das Recht . . . .
        

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