Bauhaus-Universität Weimar

 
AUGUST 1911  
N e leidenschaftlicher die moderne Malerei-und Skulptur, auf neue Aus- 
. drucksformen und -mittel fahndend, sich ins Experimentelle versenken, 
umso entschlossener übernimmt die Architektur die Rolle der öffentlichen 
und volkstümlichen Kunst unserer Tage, die das Interesse und Verständnis 
der Allgemeinheit sucht und si"ndet. Dort gähnt eine weite Kluft 
zwischen den Bestrebungen der besten Kräfte und den Vorstellungen, die in der 
Majorität der Genießenden herrschen; nur ein kleiner Kreis bildet die Gemeinde, 
die den vorwärts drängenden Führern zu folgen vermag. Hier, im weiten Gebiet 
der Baukunst, ist die enge Verbindung zwischen den Schasfenden und der Nation 
hergestellt, die wir ersehnen, und jedem Ruf, der aus der Künstlerschast ertönt, 
antwortet ein hundertfältiges Echo. Wir dürfen uns dieser Wendung aufrichtig 
freuen; denn auch das darf als ein Zeichen für die sich kräftigende Gesundheit 
unseres Kunstlebens gelten: daß man diese Mutter aller Künste nach langer Ver- 
nachlässigung wieder auf den Ehrenplatz geholt hat. 
So wurden die beiden Feiern, welche die deutsd)e Architektur in den letzten Wochen 
beging: die siebzigsten Geburtstage von Paul Wallot in Dresden (36. Juni) und 
Otto Wagner in Wien (x3. Juli), als allgemeine Erinnerungs- und Festtage der Kunst- 
welt empfunden. Diese beiden Namen repräsentieren ja zwei bedeutsame Stationen 
der modernen Entwicklung. Wallot: das ist die befreite historische Baukunst,-die 
fiel) auf sich selbst besann und mit dem überlieferten Formenschai3 Ohne fkccWTfChe 
Abhängigkeit selbständig schalten lernte. Otto Wagner: das ist der an der Kraft 
der Alten geschulte Wagemut, das Wesen der lebendigen Zeit in neuer F0eMeU- 
sprache sichtbar zu gestalten. Der Zweite war ohne die Pionierarbeit des Ersten 
undenkbar; der Erste fand im Zweiten seine natürliche Fortsetzung Und f0IgeVechte 
Erfüllung. Die Frankfurter Schule der Z)urnitz, Sommer, BlUUksd)U Und M71iU8- 
der Wallot entstammte, führte von der Kopie der Vergan"genl)eEt ZU einem ek- 
starkenden Gefühl für die Forderungen des Tages. Die Wieder S(7hUce- die 
?-Vagner begründete, spann den Faden weiter zu einem sicheren GegeUW(WksbeWUßk- 
sein und schmiedete die Rüstung für die Aufgaben der Zukunft; fke Ward eine der 
Säulen, die den Gesamtbau der modernen deutschen Kunst tragen. 
Diese Zusammenhänge wurden besonders klar auf der Ausstellung der Wallot- 
schule in Dresden vom Z. bis 9. Juli, mit der die Jünger ihrem Meister beim 
Eintritt ins bih1is-:he Alte: huIdigt-in  das schönste Festgesd)enk, das"fse ihm dar- 
hkingen k0kmken. Die stattliche Schar der Architekten, die aus Wallots Lehre 
hervorgegangen sind und nun mit einem gemeinsamen Rechenschaftsbericht über 
H?
        

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