Bauhaus-Universität Weimar

unserem Zeitalter der Hochkultur, in dem das Genie gegenüber einem immer üppiger empor-wuchernden männ- 
lichen Talentnachwuchse doch schon einem hinreichend harten Konkurrenzkampfe ausgesetzt erscheint, blieb es vorbehalten, auch 
dem weiblichen Geschlechte inspiratorisches Schaffensvermögen zuerkennen zu müssen: Wir wissen heute, daß die an sich 
mehr instinktiv veranlagte und so subtil organisierte srauennatur nicht nur im allgemeinen hochgradig kulturfähig ist 
und auf künstlerischen Gebieten die glänzendsten Virtuosenerfolge zu erringen vermag, sondern daß sie sogar mit persön- 
lich-schöpferischer Geisiesschwungkraft begabt sein kann und selbst da, wo sie nur auf die Verwertung gewisser technischer 
Raffinements der zeitgenössischen Kunstströmung ausgeht, eine ungeahnte Kraft des künstlerischen Ausdrucl?svermögens 
zu manifestieren imstande ist, vor der die Theorien der gelehrtesten Antifeministen kläglich verblassen müssen. Dem Philo- 
sophen, der in grausamer Hartnäckigkeit seine These von der absoluten Jdeenlosigkeit des Weibes aufrecht erhalten möchte, 
kann man nur immer wieder den Ausspruch Goethes entgegenhalten: 
-Das Naturell der stauen 
Jst so nah mit Kunst verwandt." (F-xqst.)  
Als schlctge11dske Belege für die schöpferische Begabung des weiblichen Geschlechtes können die Namen zweier zeit- 
gen5fs1"schen sranzösinnen angeführt werden,  der Dichterin Lucie Delarue-Mardrus und der Malerin Clementine- 
HeE:lene Dufau. Die Dichterin besingt in ihren schönsten und tiefsten Poesieschöpfungen hauptsächlich ihre heiter grünende 
normannische Heimat. Die Malerin, ein echtes Kind des sonnigeren Südens, ist neben jener Dichterin- heute jedenfalls 
eine der hervorragendsten unter den schaffenden stauen srankreichs und nächst der allzufrüh dahingeschiedenen Maria 
Baschkirtsefs die reichstbegabte unter allen denjenigen Vertreterinnen des ,,schönen Geschlechtes", die Pinsel und Palette 
zum Ausdrucksmittel ihrer kreatorischen Inspiration erwählt haben. Bei der jungen Russin dominierte die Begabung 
für psychologisch scharfe Wiedergabe des menschlichen Gesichtsausdruckes,  die Südfranzösin C1ementine-Hält-ne Dufau 
dagegen bekundet sich in ihren Gemäldeschöpfungen als eine ausgeprägte ,,Harmonistin": Eine unsichtbar-e innere Rhythmu- 
lebt in ihren Bildvisionen und läßt uns die mit dem typischen Slawentume der Baschkirtseff so sinnfällig kontrastierende 
Abstammung der Südfranzösin vom klassischen Hellenentume ahnen.  Seit fünfzehn Jahren beschickt unsere ,,sreilicht-- 
Malerin die Pariser Salonausstellungen mit Werken, aus denen ein stolzes Streben nach freier, persönlich gearteter 
Künstlerschaft zu uns redet. Heutzutage, wo es für den Künstler beinahe leichter ist, zur Berühmtheit zu gelangen, als 
sich zur Unabhängigkeit durchzuringen, ist ein so sieghaftes Durchsegen der eigenen Persönlichkeit gewiß der höchsten 
Achtung würdig. Nach Ablauf ihrer Lehrzeit in der trüben Arbeitsatmosphäre des Ateliers Julian warf sich die Schülerin 
Bouguereaus und Tony Robert-sleurys mit verdoppeltem Lerneifer ihren eigentlichen Lehrmeistern in die Arme,  der 
Natur und dem Sonnenlichte. Schon frühzeitig hatte sie fleißig sreilichtstudien betrieben, besonders an den keineswegs 
immer in üppigem Blütenslore prangenden Ufern der Seine mit ihren halbnackten Gassenbuben und Schiferkindern, die 
im Schatten mächtiger Lastkähne Versteck spielen oder flache Kiesel über die sonnige Wasserfläche gleiten lassen. Jm 
Jahre 3898 ging dann die junge Künstlerin mit einem Reisestipendium nach Spanien und nach dem baskischen Berg- 
Iande- dem sie selbst entstammte, und unter dessen blendender Himmelsbläue sie die in Paris begonnenen sreilichtstudien 
fortset3te. Gleichzeitig aber begann sie damals, ihre sarbenpalette auf einen gewissen mehr dekorativen Kolorismus ab- 
zustimmen und damit aktiv teilzunehmen an jener neueren Bewegung, die darauf ausgeht, die nackte Wirklichkeit durch 
einen zarten Dämme:-schleier zu poetisieren. Während jedoch dieser neueste ,,Jntimismus" sich mehr und mehr wieder 
in den schattendurchwobenen Jnnenraum zurückzieht, blieb die sreilichtmalerin Dufau ihrer Vorliebe für das frisch pul- 
sierende Leben im strahlenden Lichte der freien Natur nach wie vor getreu. Auch ließ sie sich jetzt nicht etwa dabei ge- 
nügen, kühn hingeworfene Porträtstudien, efsektvol1 posierte Gent-egruppen von Pelotaspielern und staubgeschwängerte 
Sierraszenerien von den Ufern des Tajo in das neuerdings so beliebte Ambrabad zu tauchen. Vielmehr wandte sich ihr 
mittlerweile völlig selbständig gewordener Jmpressionismus nunmehr der Darstellung des unsterblich poetischen Urzustandes 
der Menschheit zu, glücklich, jetzt endlich sich in wahrhaft freien und harmonischen Bildvisionen äußern zu können: Licht 
und Schönheit feierten in dem erträumten Urmenschentume dieser Gemälde das sreudenfest ihrer künstlerisches; Wieder- 
Vereinigung. Hier gibt es in der Tat keinen Gegensatz mehr zwischen der so leicht verletzten optischen Wahrheit, wie 
sie das modern geschulte Auge fordert, und jener uralt-ewigen menschlichen Wahrheit, die durch die italienische Re- 
naissance und durch die griechische Antike vergöttlicht worden ist. Befreit von den Zufälligkeiten der Mode und des 
Zeitgeschmackes, ist das badende Mädchen wieder zur Nymphe geworden, die es von alten Zeiten her bis heutigentages 
geblieben ist, und laut vernehmlich hören wir aus diesen Gemälden die Künstlerin zu uns reden mit des Dichters Worten: 
-J"aime le souvenir de ces -E-poques nues, 
Dom: Phoebus se plaisait tät do!-er les statues   .c( 
Jst solch eine klassisch-heidnische Traumvision nicht auch heute noch und für alle Zukunft die Natur selbst in ihrer 
gmndi0sen Nacktheit?  eine Art von her0ischem Naturalismus, der als Ausdruck gehobener Daseinsfreude wahrer 
ist als alle die mißgestaltigen Wirklichkeitsdarstellungen der zeitgenössischen Naturalisten zusammengenommen? Man be- 
trachte nur daraufhin einmal das Hei-bstgemälde unserer Künstlerin im Lure1nbourgmuseum, das santin-Latour in einem 
Ausbruch spontaner Bewunderung das einzige wirkliche Kunstwerk des Pariser Salons vom Jahre Z902, genannt hat! 
Und ebenso die rasch allgemein bekanntgewordenen Bilder -Rhythme((,  -)Jeunesse(-,-  Greuels Vol-: de la Mars, 
 sowie die herrlichen dekorativen Malereien mit den schwarzen Schtvänen für das Wohnhaus des Dichters Rostand, 
die im Salon J906 ausgestellt waren!  Eine Einzelfigur, wie die hier reproduzierte, redet zu uns die gleiche stumme 
Sprache der Schönheit. Alle Licht- und Fa:-benschauer des umgebenden Landschaftsmilieus sehen wir auf der Haut dieses 
prächtigen srauenleibes widergespiegelt,  und doch sind hier die Rechte der Form und des Stiles gewahrt geblieben 
unter all den zart verhauchenden Reflernuancen, die durch das bewegliche, goldgrün schimmernde Schatten- und Lichtspiel 
des Laubdaches über diesen kraftstrot3enden, blondsleischigen Mädchenkörper ausgegossen erscheinen. Unter dem üppigen 
Blütenflore der Rhododendronbüsche und unter den irisierenden Lichtreflexen der Waldsonne taucht diese -PIekUt!keftgUk" 
vor uns auf wie ein Märchen aus den Jugendtagen der Welt und der uralt-ewigen Götter. R-iymond Bou7er (Paris).
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.