Bauhaus-Universität Weimar

LoUis Picard 
(geb. in Paris 1861, lebt in Paris) 
Veilchen 
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Aus den Katalogen der Pariser Salonausstellungen kennen wir -Couis Picard als einen 
Schüler Gerdmes, dem er wohl in der Sicherheit der Zeichnung manches zu verdanken haben 
mag; als Maler jedoch scheint er eher aus der Schule Henners zu stammen. Zwar ist seine 
sarbenpalette mehr auf lichtere Tönungen, auf Symphonien in grau abgesiimmt, dafür hat er 
aber mit dem Meister der ,,Chasle Suzanne" und der ,,Eglogue" vor allem die Vorliebe für 
konzentrierte Bildwirkungen und für sormenschöne Motive gemeinsam. Als Kolorist liebt er es 
besonders, blonde oder goldig-rötliche Töne scharf abzusetzen gegen einen matt-türkisfarbenen 
Hinter-grund, einen undefinierbaren Mittelton zwischen blau und grün, dessen schimmernde Phos- 
phorescenz die aus diese Grundnote aufgebauten sarbenakkorde innerlich zu -durchleuchten und 
zu beleben scheint.  Louis Picard beschickt die Pariser Salonausstellungen seit dem Jahre 1882. 
Gleich so vielen anderen Modernen ist er 189o zu der von Meissonier, Dalou und Puvis de 
That-annes begründeten ,,Soci-Erd Nationale des Beaux-Arts" über-getreten. Und in der Tat, 
seine kolorisiischen Neulandentdeckungen, seine delikat-raffinierten Paletteneffekte, seine seltsam- 
verführerischen srauentypen auf meersarbenen Hintergründen entsprachen seinerzeit ganz trefflich 
der revolutionären Ästhetik jenes Sezess3onistensalons, aber freilich  die Jungen von 189o 
sind früh alt geworden, und ihr Salon hat heute kaum noch einen wahrnehmbaren Wertunterschied 
aufzuweisen gegenüber demjenigen der so nahe benachbarten älteren Gruppe der ,,Soci6t6 des 
2lrtistes Franc;-:is".  Das hier reproduzierte Gemälde mit der graziösen Darstellung einer 
jugendlichen Veilchenverkäuferin, deren Profit sich reizvoll von einem Pariser Seinepanorama 
abhebt, basiert allerdings auf einer schlichten sarbenskala. Ein grau in grau gehaltener Hinter- 
grund und rötlich-braune Tonslächen, die nur von dem violetten sarbensleck eines Veilchenbuketts 
als der einzigen lebhafteren Note dieser schlichten sarbensymphonie unterbrochen werden, ge- 
nügten dem Maler, um den leuchtenden Glanz der Augen seines Modells zu lebendiger Wirkung 
zu bringen und die- zarte Haut der weit entblößten, durch das lang herabhängende Lockenhaar 
nur zu leicht verhüllten Brust des schönen Kindes in blendenderem Weiß ersirahlen zu lassen. 
Wie lebhaft kontrastiert die zarte Frische dieser jugendlichen Gestalt mit der milden Stimmung 
des sinkenden Herbstabends, der den weiten Himmel und den ruhig fließenden Strom mit dem 
eintönigen Grau der nahenden Dämmerung verschleiert. Schon zücken in der Ferne die ersten 
Lichter der Straßenlaternen auf, die Blendleuchte eines dunkle Rauchwolken aus seinem Schorn- 
sieine ausstoßenden slußdampsers wirft einen rosig verschwimn1enden Zwielichtschein vor sich 
her. Weiter drüben wird der Pont des Arts mit seinen schlanken Bogenwölbungen sichtbar 
und die robuster gefügte weiße Steinmasse des Pont-Neuf, endlich in kaum noch angedeuteten 
Konturen die gegiebelten und betürmten Häuser-reihen von Paris.  Welche Welt der Er- 
scheinungen in dem engen Rahmen einer bemalten Bildleinwand!  
,,Fleurissc- vous, les he-aus Messicuks! 
Mcs bouquets sont content des cieux."  
 Freilich, mit der harten Wirklichkeit des Pariser Straßenlebens hat dieses köstliche Phantasie- 
gebilde wenig genug gemein, und die lächelnde Heiterkeit dieses Kinder-gesichtes ist den Physiog- 
nomien jener armen Geschöpfe, die im geschäftigen Gedränge der Pariser Boulevards je nach der 
Jahreszeit Veilchen, Rosen oder Chr;-santhemen feilbieten, in der Tat nur zu fremd. Weit eher 
dürfte wohl Jean Richepin  derselbe Dichter, aus dessen Feder auch die beiden oben zitierten 
Verszeilen stammen,  der Wahrheit nahe kommen, wenn er von solch einer armen kleinen 
Veilchenverkäuferin sagt:  
    
Vielen-S quo les coins 
Ds ca lässt-s,  
Que les elessc-us de te-S yam- 
Meu:-tris par les heiser- bl-us 
os 1-   That-les Sannier (Paris).
        

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