Bauhaus-Universität Weimar

Francesco paolo Miclyetti 
(geb. zu Chieti 1851) 
Im Seebad 
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Kein Künstler wird vielleicht in unseren Tagen in Italien mehr geliebt und bewundert als 
dieser wackere abruzzesische Maler. Niemand hat weniger zu kämpfen gehabt als er, um schon früh 
den enthusiastischen Beifall nicht nur des Publikums, sondern auch der Kritik und der Kunstgenossen zu 
erringen. Dieser Erfolg ist, wenn wir aufrichtig sind, mehr als verdient gewesen und hat den Künstler 
selbst niemals berauscht, oder gar die gewisfenhafte Ausarbeitung seiner oft genialen Bilder durch flüchtige 
Arbeit beschleunigt. Er ist geboren in dem reisenden Städtchen Chieti als Sohn eines Komponisten, 
dem eine gewisse Originalität innewohnte. Zum Studium der Malerei wurde er aus die Akademie 
der schönen Künste von Neapel geschickt, wo er als Lehrer Domenico Morelli und Philippo Palazzi und 
als Mitschüler Vincenzo Gemito und Antonio Mancini hatte, die wie er heute Sterne der italienischen 
Kunst sind. Michetti zeichnete sich bei seinen Professoren durch eine außergewöhnliche Lebhaftigkeit des 
Geistes aus und gewann die S;-mpathien und die Bewunderung der kleinen Gruppe der neapolitanischen 
Kunstliebhaber durch die freie und liebenswürdige Grazie, mit der er durch wenige Striche des Zeichen- 
stiftes oder der Kreide und nI einigen Pinselstrichen auf dem Karton die Gestalten der Landmädchen, 
die Umrisse von Schafen, Ziegen, Kühen und Baumgruppen skizzierte.  Auf der nationalen Aus- 
stellung in Neapel im Jahre I879 gab er ein deutliches und unleugbares Zeichen seiner Genialität mit 
einem Bild, das überaus lieblich im Vorwurf und saftig in der malerischen Behandlung war, und das 
trog seiner technischen Mängel die lebhafteste Begeisterung erregte und ihm die erste seiner zahlreichen 
goldenen Medaillen einbrachte, die er während seiner ruhmreichen künstlerischen Laufbahn erworben 
hat. Er nannte das Bild ,,Die sronleichnams-Prozession in Chieti--; es befindet sich im Besitz 
des deutschen Kaisers.  Liebe und Frühling  Die sieberkranken  Palmsonntag  Ein Sonnen- 
aufgang  Eine Landschaft mit Herden  Der Fang der Tintensische  das sind einige seiner 
Hauptbilder, die, alle von einander verschieden nach Vorwurf und Behandlung, mehr als einmal in 
Neapel, Turin, in Venedig und Paris den außerordentlichen Ruf des Malers festigten, den er sich mit 
seinem ersten Bild im Jahre I876 erworben hatte. Neben diesen Gemälden erscheinen auf Ansstellungen 
häufig zahlreiche Köpfe von jungen oder alten abruzzesischen Bäuerinnen, die zur Hälfte in Tempera, 
zur Hälfte in Pastell gemalt sind und sofort den Blick der Besucher durch ihren außergewöhnlich intensiven 
Ausdruck auf sich lenken. In ihren Raums-erhältnissen und Größen entsprechen sie selten ganz der 
Wirklichkeit, was überhaupt eine Eigenart Michettis ist und seinen Grund in einer besonderen Beschaffen- 
heit seiner Augen hat, daß et MkMIkOh jedes Haus Und jede Person kleiner oder größer sieht, als 
sie in Wirklichkeit erscheint. Eines seiner charakteristischsten und bedeutendsten Werke, das auch dem 
Umfang nach das größte sein dürfte, und das geradezu ungewöhnlich in der Behandlung einer Szene 
aus dem Leben ist, ist sein ,,Gelübde", das sich fest in der Galleria d7arte moderna in Rom besindet. 
Es zeigt abruzzesisThe Bäuerinnen, die einem rohen Aberglauben folgen und auf allen Vieren 
mit der Zunge über den Boden das ganze Mittelschiff der Kirche ihres Heimatdorfes entlang kriechen, 
bis sie die silberne Büste ihres wundertcitigen Heiligen erreicht haben, die sie in wilder Verzückung 
mit blutendem Munde küssen in der Hoffnung, auf diese Weise die Erfüllung ihrer Bitten zu erlangen. 
Eine andere wilde dramatische Szene aus dem Leben in den Abruzzen stellt Michettis Bild ,,Die Tochter 
Jorios" dar, das bei der venezianischen Aussiellung von I895 den ersten preis von einer internationalen 
Iury erhielt. Was aber vor allem bei diesem hervorragenden Künstler zur Bewunderung zwingt, if- 
daß er nie mit seinen eigenen Werken ganz zufrieden ist und unermüdlich im Zusammenhang mit der 
Natur zu bleiben sich bemüht, die er mit Inbrunst liebt in ihren verschiedenen Osfenbarungen, aus 
denen er die Anregungen und die Vorwürfe zu seinen Bildern entnimmt und in seiner groß empfinden- 
den Art verarbeitet. Vittorio Pisa (Mailand).
        

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