Bauhaus-Universität Weimar

Ak-:demische Kauf!-epiikel. 
A!-ademifche Kunfkepiätel 
Von W. Schäfer 
--THE;-H eulich bei einem sestessen zwischen zwei Kunstprofessoren sitzend, geriet ich 
IF R  in ein arges Doppelseuer: der eine, noch jung und heftig in seiner Würde, 
CI warf mir ziemlich alles vor, was ich jemals gegen akademische Kunst ge- 
  schrieben hatte; der andere, schon stiller geworden in seiner Brotstelle, zählte 
ZEIT " mir meine Verehrungen her, und siehe da, von Thoma bis Trübner lauter 
 N-S  Akademieprosessoren. Als sie mich beide in meiner Inkonsequenz so recht an 
 die sesttafel genagelt hatten, Aug ich mit einer Rede an, die leider durch 
?  R, H einen unzeitigen Toastausbruch nicht ungestört zu -Ende kam und nachträglich 
III-EIN F Hi aufgeschrieben werden mußte. 
In Johann Peter Hebbels Schax3kästlein steht eine Betrachtung über ein Vogelnest: ,,Ein 
geschickter Künstler mit zwanzig feinen künstlichen Instrumenten kann nach viel mißlungenen 
Versuchen zulegt etwas herausbringen, das einem 8inkenneä gleich sieht und alle, die es 
sehen, können es von einem wirklichen Nest, das der Vogel gebaut hat, nicht unterscheiden. 
Alsdann bildet sich der Künstler etwas ein und meint, fest sei er auch ein sink. Guter 
sreund, dazu fehlt noch viel. Und wenn ein wahrer sink, wie du jetzt auch einer zu sein 
glaubst, dazu käme und könnte dein Machwerk durchmustern, wie der Zunftherr ein Meister- 
stück, so würde er den Kopf ein wenig auf die linke Seite drücken und dich mit dem 
rechten Auge kurios ansehen, und so er menschlich mit dir reden könnte, würde er sagen: 
Lieber Mann, das ist kein sinkennest! Ich mags betrachten, wie ich will, so ins gar kein 
Vogelnest. So einfältig und ungeschickt baut kein Vogel. Was gilts, du Pfuscher hasts 
selber gemacht-! Das wird zu dem Künstler sagen der sink." 
Es bedarf nur zweier Wortänderungen, um hierin eine niedliche Abhandlung über 
akademische Kunst zu haben. Segen wir Kunstwerk statt Nest und Künstler statt sink, 
so brauch ich kaum noch zu sagen, was von akademischer Kunst zu halten sei: Sie studiert 
so lange das schönste sinkennest und mißt und zirkelt an der Form, bis sie ein ähnliches 
zustande bringt, nur daß es nicht von der natürlichen Begabung des sinken aus den 
einfachsten Strohhalmen spielend geflochten, sondern mühsam nachgebacken ist. Um von 
den Stilarchitekten, den ärmlichsten aller akademischen Künstler zu reden: so lange messen, 
zeichnen, photographieren sie an den alten Bauwerken herum, bis sie vermeinen, durch eine 
wohlstudierte und berechnete Ordnung ihren sassaden jenen rätselhasten Reiz zu geben, der 
an alten Gebäuden so unnachahmlich ist. Warum es niemals etwas wird mit ihren 
Nestern-L Weil ihre Ordnung statt aus dem Innern und aus den Strohhalmen aus dem 
Lineal kommt und mit dem Zirkel statt mit dem natürlichen Gefühl der sinkenbegabung 
gemessen wird. 
Oder komplizierter an der Dichtung klar gemacht: Da hat man der deutschen Sprache 
Versfüße aufgetan: ,,Nun dan-ket al-le Gott, also Trochäus skandiert der Versschulmeister 
und btivgt SUCH feine Worte in dieselbe Ordnung und wundert sich, daß sie den wunder- 
vollen Klang nicht haben. Er hat das einzige vergessen, daß bei den Strohhalmen der 
8inkennester wie bei den Worten der Dichter die Unordnung und nicht die Ordnung Haupt- 
fs(he M- Will sagen in diesem Fall: das natürliche Klanggewicht der höchst VetfchiedMM 
Silben: Nun dan-ket al-le Gott  ganz abgesehen von den verschiedenen Vokalreizen, und 
noch mehr abgesehen von dem Vorstellungskreis der Worte. Wie das verschiedene Schwer- 
gewicht der Silben dem Geseg der schematischen Trochäen widerspricht, jedoch so, daß es 
nicht verleugnet wird, das macht den wundervollen Reiz. Zwar nicht allein, obwohl dies 
eine für einen akademischen Künstler, der kein sink ist, schon schWTk HMUS WITH f-Am; 
viel mehr: wie die Vokale zu dem rhythmischen Gang gleichsam die Obertöne spielen und
        

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