Bauhaus-Universität Weimar

Meister der Farbe. 
M2MMtIiCh in iUgMdlichem Alter, eine viel häufiger verbreitete ist, als im allgemeinen an- 
genommen wird. Die Fähigkeit in diesem -zustande, daß heißt im Schlafe, allen lokalen 
Hindernissen aus dem Wege zu gehen, mit anderen Worten: unter scheinbarem, augen- 
blicklichen Ruhm und Ausheben der erakten Verstandestätigkeit und des Gesichtssinnes 
dennoch die Kombination des geistigen und körperlichen Sehens zu bewerkstelligen, geht 
unbedingt über die bekannten fünf Sinne hinaus! In unserer heutigen, erkl-irungs- 
reichen Zeit wird, soweit es sich bei der Mondsucht um das phyüsche Sehen handelt, viel- 
fach die Theorie der Röntgenschen X-Strahlen und nicht minder die Wirkung von Radium 
zu Hilfe genommen. Merkwürdig bleibt es nur, daß derartige Personen, obwohl sie so 
gut wie sehend handeln, in der Regel während dieses Traumwandelns farbenblind sind. 
Da wir wissen, daß außer den uns bekannten Farben es auch noch solche gibt, die wir 
zurzeit noch nicht zu erkennen vermögen, so gelingt es dennoch vielleicht  wenn auch 
erst nach vielen Generationen  einem späteren Malergeschlecht sich ,,Meister der ultra- 
violetten Farben" zu nennen! 
Unwillkürlich mußten wir beide lächeln, aber wer wollte sich vermessen, in letzter 
Instanz die Frage zu entscheiden, bis zu welcher Stufe der Erkenntnis die Menschheit zu 
gelangen vermag! 
Jedenfalls lag die Frage nahe, welcher Übergang ist der größere: der von ,,Nichts" 
zu ,,Etwas" (wenn es das erste überhaupt gibt und das zweite kein Schein ist), von 
anorganischer Masse zu organischer, von dieser zum Bewußtsein, oder von hier nach Über- 
windung der verschieden niederen Grade des Erkennens, bis zu diesem selbst? 
Damals in Paris kamen wir schließlich dahin überein, daß die unbedingte Ermittelung 
der Vaterschaft derartigen Erkenntnisvermögens ziemlich aussichtlos sei, da das Weltkind 
nur die Züge der Mutter trägt, und so hoben wir denn die Debatte auf und ich zog 
mich in mein Schlafzimmer zurück. Dies bestand aus einem entzüokenden Gemach mit 
einem Prunkbette im Stil Franz l. und Vorhängen von ausgeblichenem Brokat nebst einem 
merkwürdigen Teppich auf der Erde, dessen Muster vier Pfauen in wunderbar erhaltenen 
Farben darsiellte; auf jeder Seite einen weit ausgebreiteten Schweif, so daß der ganze 
und sehr große O-uadratraum vollständig von dem Gefieder des olympischen Vogels aus- 
gefüllt wurde. Unwillkürlich mußte ich mich des Pfauengemachs Whistlers erinnern! 
Über dem Kamin hing ein Gemälde, welches ich lange betrachtete, bevor ich zu Bett 
ging. Es stellte ein außergewöhnlich schönes Mädchen dar in der glänzenden Hoftoilette 
der legten Zeit Ludwigs XIV. Sie schien ungefähr 17 Jahre alt zu sein und der unge- 
heuerliche Umfang ihres Kostüms kontrastierte seltsam zu ihrer Jugend und dem reizvoll 
pikanten Charakter ihrer Schönheit. Die Toilette bestand aus rotem Samt und Atlas, 
leicht und gefällig abgetönt, aber doch so glühend im Kolorit, daß die Farbengebung nur 
von einem der ersten damaligen Hofmaler Louis le Grands herstammen konnte. Weiße 
Spitzen, Perlen um den Hals in dem hoch aufgetürmten Haar vollendeten den Eindruck 
des Vornehmen. Ein bezauberndes Lächeln umspielte ihre Lippen und ich konnte nicht 
umhin darüber nachzusinnen, ob dies schöne Geschöpf wohl auch das Opfer der Revolution 
geworden und ihr zarter Hals dem grausamen Messer der Guillotine verfallen sei? 
Es war eine herrliche Nacht. Der Vollmond schien prachtvoll in mein Zimmer hinein, und 
bevor ich zu Bette ging, öffnete ich beide Fenster weit, trotz des Aberglaubens der Pariser, 
daß man selbst im Sommer hierdurch erblinden könne. 
Ich wachte plötzlich auf und hörte den tiefen Ton irgend einer Kirchenglocke, welche 
die Atmosphäre der Nachbarschaft in Vibration versetzte, sah im Mondlicht nach meiner 
Uhr, die auf halb zwei wies und wollte gern wieder einschlafen, was mir indessen absolut 
nicht gelang. Da fiel mir die Bibliothek zu ebener Erde ein, ich kleidete mich notdürftig 
an, nahm meinen Leuchter und begab mich auf den Weg nach der Suche eines litera- 
rischen Schlafmittels. Befriedigt nahm ich einige Bücher unter den Arm und beabsichtigte 
zu meinem Schlafzimmer zurückzukehren. Ich irrte mich indessen und kam zuerst M Dis
        

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