Bauhaus-Universität Weimar

Meister der Farbe. 
des russischen Absolutismus, sind sie im Temperament ganz verschieden. Alexander Benois, 
ein liebenswürdiger, mitteilender Charakter, wird von Jahr zu Jahr freigiebiger. In 
seinen stimmungsvollen Illustrationen zu Puschkins ,,Ehernem Reiter" sowohl, wie 
seinen Aquareilen aus Alt-Petersburg, den graziösen Vignetten und einem phantasievollen 
ABC fühlt man neben einem feinen, liebegewürzten Humor eine große Freude am 
Schenken; seine Schaffenskraft scheint unendlich; immer neue Formen und Gestalten 
drängen sich in bunter Reihe, von seinem Stift zum Leben gerufen. Anders SomosT: 
er ist sehr reserviert; seine kleine rafsinierte Welt ist mit einem Geschlecht sonderbarer, 
oft bis zum Fragenhaften wunderlicher Menschen bevölkert. Ein merkwürdiges Gemisch 
der Romantik des 19. Jahrhunderts, Rokokoreminiszenzen und der Verderbtheit unserer 
nervösen Zeit. Man hat ihn oft einen Dekadenten genannt. Wenn bis zum äußersten 
gesteigertes Rafsinement der Zeichnung, wenn ein dem Publikum meist völlig unver- 
ständlicher Stimmungsgehalt, welcher zwischen den naivsien Kinderträumereien und den 
schärfsten Nervenreizungen unseres Zeitalters hin- und herschwankt  wenn das Ent- 
artung ist, dann ist Somoff ein Kind des Verfalls.  In den feinen Zeichnungen, 
Aquarellen und Pastellen Dobuzonskys, Baksts und Lancerays fühlt man ähnliche Saiten 
schwingen; zwar sind sie weniger kraftvoll, doch in jeder Beziehung Künstler und Ver- 
treter der Zeichenkunst. Hier wäre noch Fräulein A. Ostroumow zu erwähnen, welche 
mit ihren talentvollen Origina1holzfcl)nitten und Lithographien wohl in Rußland bis 
fest die einzige Vertreterin der von Lepdre zu neuem Leben erweckten Kunst ist. In 
seinen Sympathien für die Biedermeierzeit sich zuweilen mit Somoff berührend, ist 
V. Mussatow dabei vollkommen selbständig und vor allem ist er vom Jmpressionismus 
ausgegangen: die Farben sind ihm die Hauptsache. Seine Bilder sind im Gegensage zu 
den kleinen intimen Arbeiten Somoffs geradezu für Wandmalereien geschasfen. Sie sind 
alle teils matte, gobelinartige, teils leuchtende, in Regenbogenfarben und Pfauenfedern 
spielende, dem Auge schmeichelnde dekorative Stücke, stellen sie nun eine Schar junger 
Mädchen im Schatten großer Bäume oder den sich in Abendschatten hüllenden Park oder 
zwei an einem Bassin träumende Frauengestalten dar. Es ist in ihnen ein Sehnen nach 
einer neuen Farbenwelt und das Träumen von einer noch nicht vorhandenen dekorativen 
Schönheit, diese beiden Kennzeichen moderner Kunst. Maliawin und Grabar, einander 
gänzlich un-ähnlich, sind beide Künstler des chaotischen Farbentaumels. Maliawin der 
Schöpfer eines Riesengeschlechts in einer formen- und farbenschweren Welt, die ver- 
körperte Gewalt, ein von unserer Nervosität unberührter Herrenmenfch. Für Grabar löst 
sich die ganze Welt in einen jubilierenden Lerchengesang der Farben auf. Nicht eine 
Welt in Farben, sondern die Farben als Welt. Um für heute mit der russkfchen Kunst 
zu schließen, muß ich von Wrubel, wohl dem bedeutendsten der modernen Russen, sprechen. 
Welch ein überreiches Talent: es gibt wohl kein Gebiet in der Kunst, wo Wrubel nicht mit 
Erfolg gearbeitet hat. Seine großzügigen, koloristisch hinreißenden Panneaus, seine origi- 
nellen Skulpturen und keramischen Arbeiten, die psychologischen Meistergrifse seiner Port-täts, 
besonders aber das Unzeitgemäße seines Erscheinens in der russischen Kunst, alles dies 
zeigt deutlich, mit was für einem großen Talent wir es zu tun haben. Ietzt, wo durch 
die Kunst der ganzen Welt ein großes Lechzen nach der Farbe geht, wo die von den 
Jmpressionisten ausgesireute Saat aufzugehen beginnt, müßen wir Wrubels gedenken, 
welcher in einer Periode, wo die große koloriüische Revolution Westeuropas noch gar nicht 
in ihre volle Kraft getreten war, schon mit den Augen eines modernen Kolorislen auf 
die Natur schaute. Zwanzig Jahre sind es her, daß Wrubel hoffnungsvoll seine Künstler- 
laufbahn antrat, durch bittere Enttäuschungen, durch den Haß der von Dunkelmännern 
geleiteten Menge, zum Manne gereift, im Vollbesig seiner Kräfte, ist er wohl geeignet 
an der Spitze seiner gleichgesinnten Genossen und der schönheits- und farbendurftkgM 
Jugend die Kunst Rußlands weiterzuführen. 
LIABI-
        

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