Bauhaus-Universität Weimar

Meister der Farbe. 
ändern, wenn sie grüne Atelierböden vorschriebe  sie sahen die braunen Töne alter Bilder 
und dachten nicht daran, ob die vielleicht vom altgewordenen Ol der Farben kämen? Dachten 
auch nicht, daß jenen Künstlern in ihren alten Stuben, wo nur durch kleine Fenster das 
Licht einströmt und alles helldunkel ist, die Welt ganz anders vorkommen mochte als uns, 
die wir im hellerm Licht leben: vielmehr sie verhängten ihre Ateliers mit dem berühmten 
stilechten Malerplunder. 
Man erzählt so reizvoll, wie,,Manet anfing, modern zu malen: als Paris von den 
Deutschen belagert wurde, war sein Atelier mitbelagert, er selber zu einem Freund aufs 
Land geflohen, wo ihm im heißen Sommer 187o nichts übrig blieb, als sich mit den hellen 
unmalerischen Tönen der Tagesluft im Freien abzufinden: wo auf dem grünsten Grün rote Rosen 
leuchten und auf grünen Gartenbänken blaue Sonnenschirme liegen. Eine Anekdote. In Wirklich- 
keit lag die Sache so, daß, nachdem durch die großen Jtaliener alle Möglichkeiten auf einer 
Fläche durch Verteilung von Farben und Formen neue Harmonien zu schaffen, gründlich aus- 
probiert waren, das Problem der Lichtmalerei aufkam, das heißt das Problem des grünen 
Gesichtes. Was hülfe allen Malern der Welt ihre Schönheit vor der naiven Frage meines 
vierjährigen Töchterchens, wenn sie sich nicht mit dem grünen Gesicht abfinden können! 
Dieses Kinderauge, erwachsen und im Sehen geübt, müßte traurig werden an der Kunst, 
die ihm hier nicht hülfe. 
Aber sie hat ihm geholfen. Nicht etwa Manet allein! Wer hat sich je das legte 
Porträt Böcklins angesehen, diesen mächtigen Greis in der violetten Jacke, mit den groß- 
karrierten weißen Hosen: sein Gesicht ist grün, sogar scharf grün modelliert. Vielleicht sehen 
auch die braunen Augen das heute schon nicht mehr, weil Böcklin anerkannt ist. Aber jener 
Postillon von Trübner, jene Ruhmestat moderner Malerei, wodurch alle Lleganz französisch 
sanfter, diesmal ,,blonder" Harmonie echt deutsch und kräftig auf den Kopf geschlagen wird! 
Der Kerl hat ein Posthorn um, und ein Posthorn ist gelb, weil es von Messing ist: aber 
dieses Posthorn ist grün, weil der Refler grüner Bäume ebenso darauf liegt, wie auf dem 
frischen roten Gesicht. 
Natürlich ist dieses Bild nicht schön, weil das Posthorn grün ist, sondern trogdem 
das Posthorn grün ist; denn ein grünes Posthorn iß eine verteufelte Sache und der brave 
Trübner mußte sehen, wie er den blauen Rock und das rote Gesicht und die Troddeln und 
alles, was auf so einem Bild ist, dazu stimmend kriegte: aber es half ihm nichts, erhätte 
sich nicht mit braunen Schatten durchmogeln können. Meine vierjährige Tochter hätte es 
ihm gesagt, daß der Postillon unter den Bäumen kein rotes, sondern ein grünes Gesicht hat. 
Ich weiß, der Leser fühlt sich ein wenig genasführt. Er verzeihe mir bei diesem 
Schlußbild: vor den Fenstern, hinter denen ich dies schreibe, breitet sich weit ein Ackerfeld 
und dahinter hebt sich eine Hügelreihe mit grüner Saat; jeder mag hingeben und die Gräser 
in seine Finger nehmen: sie sind wahrhaftig grün. (Grüner Lokalton sagt der Maler.) 
Aber nachts: wie, sind sie da auch grün? Sind sie da nicht wie alle Katzen grau? Macht 
nicht erst das Sonnenlicht die seltsamen Farbenwunder daraus, in einer an- und abschwellen- 
den Musik? Da ist am Morgen das Grün der Frühe, fast wie das Wasser im Bodensee 
fließt es über den Hang. Die Sonne steigt und der Morgen gießt seine Röte darüber. 
Welcher Maler vermöchte diese leuchtende Ferne noch grün zu malen? Dann beginnt das 
Tageslicht zu strahlen, immer grüner leuchten die Saaten her, bis gegen Mittag das Licht 
anfängt, die Farben zu fressen. Und langsam erst am Nachmittag beginnt wieder das Grün 
tief zu leuchten, bis die blauen Schatten kommen, immer tiefer, fast violett und danach die 
schwarzrote Abendglut, und dann wieder die Nacht, wo alle Katzen grau sind. Nun glaube 
ich doch wohl, daß ich eitel sein darf auf meine Tochter, die noch nichts von Tizian und 
Trübner weiß, aber fragte: warum hat der Mann ein grünes Gesicht?
        

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