Bauhaus-Universität Weimar

R. X. Prmet 
(geboren am 3r. Dezember 1861 in Virry-le-Fran9ois. 
Lebt in par-lH). 
Die Kreutzersonare 
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Durch das geöffnete Fenster dringt der tiefe, süße Frieden der Sommernacht und der 
Duft von Blumen und regungslosen Blättern; in dem alten schlaftrunkenen Salon das gelb- 
liche, diskrete Licht verhüllter Kerzen. Es ist ein Moment, erfüllt von jenem geheimnisvollen 
Zauber, den kein Wort erfassen und wiedergeben könnte. Langsam läßt er den Bogen über die 
bebenden Saiten seiner Geige gleiten, die Augen auf ihre schlanke Schönheit, auf das schmeichelnde 
Goldgelb ihres Kleides, auf die feine Rundung ihrer nackten Schultern geheftet. . . Sie legt 
bebend die Hände auf die Elfenbeinklaviatur des Pianos, dessen Ton sich der allgemeinen 
Harmonie einfügt. Und die Bewegung reißt sie hin, während die Tonwellen sich vermengen, 
sich übertreffen, sich rufen und antworten, während sie sich zu Siegesjauchzern Zusammenfügen, 
lich zu leidenschaftlichen Klagen vereinen, oder in einem einzigen Wollustseufzer ersterben .  . 
Da existiert nichts mehr, weder Gedanke noch Ding: das Empfinden beider ist verschmolzen in 
einem einzigen Taumel, der unwidetüehlich ist wie der Wind, unendlich wie der nächtliche 
Himmel und sengend wie die Flamme. Es ist eine Wonne so durchdringend und stark, daß die 
Leiber, dürstend nach der höchsten, göttlichen Vereinigung im Kuß- schwach werden und sich um- 
schlingen. Die verwickeltsten Dr-amen, welche die Dichter ersinnen, sind kindliche Einfälle gegen- 
über diesem kurzen, tragischen und wortlosen Augenblick, der Welt und Leben beherrscht. Tolstoi 
wählte einen solchen Augenblick zum Ausgangspunkt und zur Quelle des Verhängnisses in seiner 
erschütternden Erzählung: Die Kreugersonate; Prinet erdachte zu demselben Problem eine Lösung, 
die er in einem Gemälde festhielt, das heute im Besitz des Prinzregenten von Bayern ist. Wenn 
er in einem derartigen Unternehmen nicht unterlag. so dankt er es der großen Einfachheit, mit 
der sein Bild aufgefaßt und ausgeführt ist, jener großen Einfachheit, die überhaupt das Charakte- 
ristikum ist für sein seltenes, köstliches Talent. Ein Durchschnittstalent hätte aus dem Thema 
weiter nichts gemacht als die Illustration zu einer Liebesgesä)ichte; ein feuriges Genie wäre über 
die slüchtigkeit der Skizze nicht hinweg gekommen, weil es ein Ausdrucksmittel nur in der 
Umarmung gesehen hätte, die trog aller Bemühungen allzumenschlich geblieben wäre. Prinet 
gelang es, einen ergreifenden und wahrhaft erhabenen Eindruck hervoi-zurufen, weil er  so 
paradox es im Augenblick auch lauten mag--von den französischen Malern unserer Zeit das feinste 
Verständnis hat für den Reiz altmodischer Wohnräume, für das sriedvolle ihrer Atmosphäre, 
für die lächelnde Melancholie ihrer alten sormen und verschossenen Farben. Der ganze Effekt 
dieses schönen Gemäldes liegt begründet in dem Kontrast zwischen dem stillen, schlummernden 
Leben des ältlichen Salons und der leidenschaftlichen Handlung, die sich gerade in ihm vollzieht, 
nachdem sich schon andere, nicht minder leidenschaftliche und nicht minder drängende Ereignisse 
darin vollzogen haben mögen, deren Geheimnis verschlossen liegt in der Seele des großen schwarzen 
Plan-:-s, der glanzlos gewordenen Rahmen an der Wand, oder in dem runden Polster des 
niederen, längst ausgedienten Taburetts. Durch diesen subtilen Geschmack erscheint Prinet, so 
modern er seinem Verfahren nach auch sein mag, als ein treuer Iünger der vornehmsten Künstler 
des achtzehnten Jahrhunderts: er erinnert an Watteau, der die Melancholie wirbelnden Lebens 
dargestellt hat, das vergänglich in weiter regungsloser Landschaft sich abspielt; an Chardin, der 
es verstanden hat, durch den geringsügigüen Gegenstand, der etwa auf einem Tisch liegen blieb, 
die Beschäftigung und das familiäre Leben eines Hauses zu charakterisieren. In den Grenzen 
seiner Kraft verfolgt er den Weg, den jene vor-gezeichnet haben, und man begreift seinen Stolz, 
wenn er sich darauf beruft, daß die bürgerliche Familie aus der sranche-Comt6- MS der U? 
hervorging, Drouais zu den ihren zählte, jenen feinsinnigen Darsteller junger stauen und Kinder, 
der es liebte, seinen Modellen ein harmloses Spielzeug oder einen kleinen Lieblingshund in die 
Hand zu geben. Seit etwa zwanzig Jahren, während welcher Prit1et aUsfkeUt- I)-U die P0el7e 
des häuslichen Lebens viele andere Künstler verführt, die sich  besonders TM SCHOTT de Ia 
Sociötä Nationale  bemühen zum Ausdruck zu bringen, Was M Zaktes Und doch KMftV0Uk8 
in Eh schließt. Allein Prinet nimmt inmitten der Kunstfertigsten eine hohe Stelle ein, weil 
keine Geschicklichkeit der feinen Kunst gleichkommt, die ihn befähigt in dem wechselnden Pug 
der Pariserinnen die bleibende Eleganz ihrer Ahnfrauen, und inmitten der alten Jnterieurs der 
Provinzwohnungen, die er jeden Herbst aufs neue besucht, die ewig junge Liebe hervortreten 
zu lassen. Andre Saglio.
        

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