Bauhaus-Universität Weimar

Claude Monet 
(geboren zu Paris den 14. November 184o) 
Die Kirche von Vernon 
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Die Maler, die man Impressionisten genannt hat, vermengen sich in ihren Anfängen mit der Gruppe 
jener Realisten, die im Gefolge Courbets die franz"o"sische Kunst gegen das Jahr 186o verjiingten. Sie hatten 
miteinander gemein die Kunst der Beobachtung, den Wunsch, das Leben, die Dinge, das Wesen des Alltags 
darzustellen; auch befaßen sie den Geschmack der Realisten von ehemals, der Vlämen, Spanier und den Chardins. 
Monet hat gewiß auf diese Weise seine Kunst erlernt.  ,,Die Frau im grünen Kleid" wurde im Jahre 1866 
vom Publikum für einen Mauer gehalten. Seine bewunderungswürdigen Stilleben erinnern durch ihre ge- 
sättigten Farben, durch die Feinheir und Wahrheit des Tons an Chardin. Monets erste Manier ist die eines 
wählerischen, gelehrten Praktikers mit starker Konstruktion, kräftiger Zeichnung und der Neigung zu Verkürzung 
und fchulgemäßer Einfachheit. Diese Beherrschung des Zeichnens erklärt die spätere, außerordentliche Freiheit 
Monets; Gedichte des Lichtes, des Wassers, der Nebel, so bauen sich seine Landschaften aus sich selbst heraus auf 
einer soliden Basis aus.  Friihzeitig wendete er sich der Landschaft zu. Das Beispiel und die fortdauernden 
Ratschläge Boudins und Z2ongkinds, ein zweijähriger Aufenthalt in Algier während feines Militärdienstes, endlich 
nach 187o eine Londoner Reise und die Entdeckung Constables und Turners bildeten ihn schrittweise um, vertieften 
bei ihm den Geschmack am Pleinair, am Lichte, an den reinen Tönen. Die Beobachtung des unaufhörlichen 
Farbenwechsels zwischen Himmel und Erde, die Zartheit des Gefehenen usw. brachten ihn dazu, eine immer freiere, 
s1üchtigere, unmittelbarere Manier zu suchen. ,,Die Brücke von Argenteuil" aus dem Jahre 1874 erinnert an 
Constables Gefchnteidigkeit, Einfachheit und köstliche Frische der Empfindung, doch gibt sie eine Szene an der 
Seine mit größerer Leichtigkeit und mit dem reichen gelben und blauen Lichte eines Sommertages wieder. Um 
diese Zeit entdeckt Monet durch Überlegung und Praxis durch immer feinere Lichtempsindung und durch die ge- 
wifsenhafte Beobachtung einiger Gesetze der optischen Physik eine ganz neue wunderbare Art, die Dinge in der 
feuchten, schimmernden Luft zu sehen und zu malen.  Die Zeichnung und die Form der Außenwelt existiert für 
das Auge nur durch die Farbe. Alles Siehtbare, selbst der Schatten ist farbig. Die Farbe jedoch gehört den 
Dingen nicht an, sondern entsteht nur durch die Schwingungen des Lichtes. Der Geschwindigkeit dieser Schwin- 
gungen entsprechend löst sich das Licht in bloß sieben Grundfatben, die Farben des Spektrums, auf. Alle Farben- 
fchattierungen lassen sich auf ein verschiedenes Mengungsverhältnis der Elementarfarben zurückführen. Diese 
Dosierung findet aber auf den Dingen nicht, wie es den Anschein hat, durch Mischung statt, sondern durch parallele 
Projektion der FarbentZne. Erst das Auge miscl)t sie kiinstlid7 und ebenso ist es auch erst der Maler, der sie Auf 
der Palette künstlich mische. Um wahr zu malen, um die Natur nachzuahmen, um die Intensität des Lichtes 
wiederzugeben, muß man malen, wie das Licht tut: die Mischfarben in ihre Komponenten zerlegen, nur die Farben 
des Spektrums verwenden, die Malgriinde einfach nebeneinander setzen und es dann dem Auge überlassen, die 
Verschmelzung der Töne aus der Entfernung zu vollführen. Fiigt man hierzu noch das Studium der Resles:e und 
die Anwendung des Gesetzes von den Komplementsarben, so hat man das Prinzip der Malweise Claude Monets. 
Koloristen wie Delacroir hatten schon einigermaßen mit diesen Gesetzen gerechnet, er ist jedoch ganz Und See 
der erste, der sie logisch und methodisch befolgt hat. Dieses Verfahren ist nur scheinbar einfach. Um das Ungenaue, 
das Flimmernde und Ver-fchwommene zu vermeiden, um trotz dieses komplizierten und ewigen Wechsels die Zeichnung, 
die Valeurs und die Perspektive zu erhalten, bedarf es einer ungeheuren Empßndlichkeit des Auges, einer -7Ußek- 
ordentlichen Sicherheit und Schnelligkeit der Hand. So wird das Licht das ausschließliche Sujet des Bildes, 
mögen es MariIten und Landschaften sein, die er sich in Holland, auf der ,,Belle Isle", auf del! Klippen V0II 
Taufe, am Golf von Iouan, in Paris, in den Niederungen der Seine, in Rouen geholt hat, oder SUjeeS MS 
VeIheUil, Giverny, wo er sich niederließ, oder aus London auf der Themse.  Die tiefsten modernen LandfehSfket'- 
ein R0UiTesU- ein Corot, hatten schließlich auch nur mit mäßigen Effekten gearbeitet. Monet dagegen fUThe- Ohne 
sich um Einheit, Ausdruck und Charakter zu kümmern, wenn es sich um diese oder jene Lands"chaft handele- bc0ß 
das Beben der farbigen Luft, das Zittern des Lichtes in einem gegebenen Momente festzuhalten. S0 ge!-enges 
er dazu, seine Landschaften in Serien zu malen. Da die Licht- und Lufteffekte desselben PUUkeeS W) jedes! 
Augenblick verändern, so hat Monet eine ganze Garnitur von Leinwanden, zehn bis zW3If StUek Z- B- V0t' Heb- 
Er wählt ein Motiv, immer dasselbe, einen Heuschober, Pappeln, die FasTade der Kathedrale zu Rouen immer 
von demselben Punkte gesehen, für eine Serie von Studien. Die verschiedenen Leinwanden dienen ihm nun dazu, 
auf jeder derselben nach der Reihe zu verschiedenen Momenten eine verschiedene Lichtphase ZU f7kEekeI1- Es M 
das die schärfste malerische Analyse, die je versucht wurde.  Der logische Zweck der KM1sk CkSUde M0IIees M 
die Darstellung der Atmosphäre und des Lichtes um ihrer selbst willen, ganz abgesehen Wie jedem M0tkV- jeder 
soliden Stütze, wie Bäume, Terrain und Baulichkeiten.  Im Jahre I904 has er M de? ketzkeII- ph-MMlUfeheI1 
Serie seiner Themsebilder oberhalb des nicht sichtbaren Flusses den Kampf der Sonne mit den aufsteigenden 
Dämpfen und ihr Irisieren im Nebel dargestellt. Entdeckungen in der Kunst sind geistiger oder technischer Natur. 
Ein Künstler zählt in dem Maße, wie er eine neue Art, die Natur zu sehen und zu empfinden ,,schafft", im wahren 
Sinne des Wortes, und wie er seiner Kunst mit neuen Mitteln der Analyse neue Ausdrucksmittel liefert, Unter 
diesem Gesichtspunkte ist Claude Monet einer der ersten Meister der modernen Malerei. Fran;:ois Monod.
        

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