Bauhaus-Universität Weimar

L-ugdne Loms Boudm 
(geboc-en zu HonfleUr am 12. Juli 1824, 
geftorben zu Deauville am 8. August I898) 
Der Hafen von Antwerpen 
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Eines Morgens begegnet eine Hausfrau in der Nähe des Brüsseler Stadtmarktes einem Unbe- 
kannten, der sie fragt, ob sie die Adresse eines französischen Malers Boudin kenne. ,,Sie konnten es nicht 
besser treffen," antwortet sie; ,,ich bin seine srau, und ich will Sie gleich zu ihm bringen." Es war 
im Winter des schrecklichen Jahres; der Maler und sein Freund Vollon warteten in Belgien auf das Ende 
des Krieges, dem bald die Kommune folgte . . . was ihre peinliche Lage noch erhöhte.  rief Boudin 
aus, als der geheimnisvolle Mann eingetreten war; ,,es gibt also noch Menschen, die Gemälde kaufen 
wollen-.I"   wenn Sie sie machen wollen!" antwortete der Unbekannte; es war ein bekannter Ge- 
mäldehändler, welcher ihn aufsuchte. Auf diesen zugleich traurigen und fruchtbaren Zeitabschnitt 
datiert der 71 gezeicl)nete Hafen von Antwerpen zurück, welcher den Künstler würdig in der ersten 
l)underti-ihrigen Ausstellung von 1889 vertrat. Die Atmosphäre und Belebung eines großen Hafens lockten 
diesen blauäugigen Meerwolf mit unwiderstehlicher Gewalt an, war er doch, bevor er Maler wurde, 
Matrose gewesen. Aus Honsleur gebürtig, wo man seinen Namen bereits in Aktenstücken von vor 
zwei Jahrhunderten verzeichnet findet, war er erst Schiffssunge gewesen; alsdann wurde er bei seinem 
Vater, einem früheren Steuermann, angestellt; endlich war er Papierhändler und Rahmenmacher geworden. 
Er hatte zahlreiche Papiere oder Leinwande für Pastelle gespannt, bevor er selbst skizzierte. Durch Tt070U 
und Millet, als diese Havre besuchten, dazu ermutigt und mit einem Jahrgeld von seinen Landsleuten 
ausgestattet, um seine Studien bei den verstorbenen, ruhmreichen Meistern des Louvre zu vollenden, erinnerte 
er sich mit Gelassenheit seiner Lehrzeit und der Jahre des Elends in Paris, der wenig silbernen Tage, wo 
 wie er pl)ilosophisch sagte  die Hoffnung den Geldsack vertrat, seiner sonnigen Rückkehr nach HonfleUk- 
der strahlenden Zeit auf dem Landgut Saint-Sim6on, bei Frau Toutain, dem Schugcngel der Maler . . i 
Er"brachte sich sein gewaltiges Debut im Salon von 1859 vor den Geist, den Pardon de Saint-Anne- 
Palud, welcher sofort von Baudelaire bemerkt wurde. Er nannte sich selbst einen Einsiedler, der allzu 
sehr geneigt war, ,,in seiner Stube zu hocken und den Himmel zu beobachten--. In Paris wähnte sich dieseV 
Einsame einen Verbannten: brauchte er doch für seinen reinen Blick  so rein wie seine Kunst  den Ozean 
und den Kanal, die geschäftigen Häfen und die Weltküsten, die malerische Bretagne und das Land seiner 
Geburt, Normandie. Seit 1864 hatte er in Deauville das flimmernde Leben der Seebäder vor der groß- 
artigen Unendlichkeit überrascht; und die romantischen Nebensiguren seines Vorläufers Jsabey mode-cnisierten 
sich zum Entzücken unter seinem Pinsel. Dieser Maler, der sich in die neblige Poesie der Länder des Westens 
verliebt hatte, war durch sein Talent dazu vorbestimmt, in die Jntimität des Nordens einzudringen- wie ils 
sich ihm bot: seine neue Verbannung begeisterte ihn. Er gab zu, in Belgien einige A11fktl)tM AUfgM0MMM 
zu haben, welche imstande waren, ,,die Kunstfreunde der Zukunft durch eine ziemlich richtige und ziemlich 
aufrichtige Seite zu interessieren-". Aber seine Bescheidenheit blieb immer innerhalb der Wahrheit, und zwar 
derjenigen Wahrheit, welche unsre unmittelbaren Vorfahren sehr spät ausgesprochen haben, und welche C0k0t 
entschleierte, als er Boudin ,,den König der Himmels- nannte! Mehr noch als das Venedig des Nordens 
und das Venedig des Südens mußte die Stadt Antwerpen diesem Seemannssohn gefallen; mehr als ein- 
mal nimmt er das panorama des Kopfes von slandern auf; er durchläuft die alten Kais vor der Errich- 
tung der Docks; er kennt den Hafen, den Markt, den Kanal; er findet ein neues Vaterland: er malt es 
ab ohne L-yrik, aber mit seiner sieißigen und feinen Überzeugung; er sucht nicht am Horizont das Kielwai7Ok 
eines Geisierschisfes; er gedenkt freien Sinnes der Holländer, dieser Matt:-es d"autrekois (später dank st0MMklU 
das Buch unter seinem Kopfkissen). Jn Antwerpen wie in Honfleur malt er gern die FelUl)ektM des TM- 
werks und den dürren Wald der Masken auf einem milchfarbigen Himmel; denn er kennt, wie kein anderer 
Maler, das Mast- und Takelwerk! Sein Sinn für Harmonie gleicht die roten Dächer und die sVü" übMü"ckJte" 
Schiffe aus; der Künstler gesteht seine Vorliebe für das kolorierte, abschattlette Grau- Welches TO befÖf1dc" 
ist wie sein schönes, stilles Leben am Ufer der s-:häumenden Wellen, vor welchen er sterben Wollte. It! fT1MFU 
a(l)tUndsechZigsten Jahre von einem Minister, der selbst Künstler XVIII- dek0tle'kt, l7el)AUPtM V0Udi"- daß Im 
Maler nur ,,sür sich selbst-, arbeiten darf; daß er endlich die Valeurs der bewegten Welt darzUfk8UM M3Ml)7 
l)-MS war seine einzige Belohnung. Eine Seelandschaft wie des HEfM V(-U Am'-V8VPM M NOT Mk Un 
KUUllWskk- das das Gesicht erfrischt, sondern ein dauerndes MelfMfkÜSl3- SCUkfM Von edlem Virtuosen- der 
W? das Geheimnis bewahrte, aufrichtig zu bleiben. R""I0"d B0U7""-
        

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