Bauhaus-Universität Weimar

Es in eine traurige Tatsache, daß das große Publikum sich einem jeden 
EkCisUiiTe in der Kunn feindlich gegenüberstelIt. Hat der Künstler das fatale Ver- 
brechen begangen, keinem andern ähnlich zu sein, so muß er es lange büßen. ,,Wie 
hsTßU(h!" Es ist das einzige, was er jahrelang hören muß. So ging es auch 
Somoff, als er zum ersten Male auss"tellte. In dem "2cusstellungssaale herrschte eine 
Empörung: ,,Gott, wie häßlicl)!" Und dennoch hatte diesmal das Publikum nicht 
Hans fO Unrecht, wie sonst immer. In all diesen sonderlichen Menschlein von Somoff 
fteckte tatsächlich etwas Mißförmiges; es war aber auch das einzige, was das Publikum 
darin sah. Die wunderbare Schönheit, die aus den Bildern hervorstrahlte, blieb gänz- 
lich unbemerkt. Es war nicht die Schönheit eines malerischen Sehens, etwa im Sinne 
der Zwerge von Velazquez. Man erinnerte sich eher an die schönen Köpfe der un- 
schönen Frauen eines Quattrocentisten. Etwas äußerst Scharfes und Geheimnisvolles; 
ein unbegreifliches Gemisch. In den reellsten Dingen war eine Phantastik verborgen. 
Man fühlte eine ernste, fast feierliche Stimmung und zugleich einen kaum merkbaren 
spöttisches! Zug, eine tiefe Trauer und eine leichte Heiterkeit. Man wurde nicht klar, 
sollte es ein unbeholfener Junge oder einer der raffiniertesten Künstler gemacht haben. 
Man behauptete, es wäre eine kranke Kunst. Außer Somosf wurde dies noch 
Beardsley und Heine, seinen nächsten Geistesverwandten, vorgeworfen. Ist es nicht wunder- 
bar- daß drei Künstler, einer in London, ein anderer in München und ein dritter in St. Peters- 
burg, die nichts voneinander wußten, zu gleicher Zeit Werke schufen, welche eine ganze 
Richtung anschlugen. Es mußten offenbar in unserer gesamten Kultur gewisse Gründe 
bestehen, die diese ,,kranke" Kunst hervorbrachten. Es wurde noch von einer ,,schlechten 
Zeichnung" und ,,häßlichen Farben" bei Somoff gesprochen. Man gab zu, die Ideen 
wären nicht übel, wäre aber die Zeichnung von einem tüchtigen AkademieprofesTor 
korrigiert gewesen, so wären sie entschieden besser. Desgleichen mit den ,,natürIichen 
Farben--. Und doch ist diese unrichtige Zeichnung die einzig richtige und die unnatür- 
lichen Farben  die einzig natürlichen, denn sowohl die Zeichnung als auch seine 
Farben sind mit dem ganzen Somofsstil untrennbar verschmolzen. Es sind eben 
seine eigenen Mittel, die einzig brauchbaren für seine Kunst. Deshalb wird er den 
besten Zeichnern und den wahren Meistern der Farbe zugezahlt. Sehr charakteristisch 
für Somoff ist sein letztes Bild ,,Galante Unterhaltung-C Die mittlere Figur  
sWCh eine unschöne Dame mit dem rätselhaften Lächeln auf den Lippen  gehört 
zu dem interefsantesten, was in der letzten Zeit geschaffen wurde. Wer weiß, ob 
Nicht in dieser merkwürdigen Vision aus dem 18. Jahrhundert mehr von dem wirk- 
lichen Geist unserer Zeit zum Ausdruck kam als in so vielen Bildern, die das moderne 
Tebel! fThkIdern. Igor Gras-at (St. Peter-abu-g)
        

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