Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der zerbrochene Krug
Person:
Kleist, Heinrich von Menzel, Adolph von Dingelstedt, Franz von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-981562
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-4111594
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entwickelten, in eindrucksvoller Charakteristik vor- 
zusühren, die handelnden personen uns plastifch- 
individuell näher treten zu lassen, überhaupt 
die gegebenen einzelnen Motive zu lebenswahren, 
niederländisch-volksthümlichen Genrebildern zu ge- 
stalten.  
Das Stück gehört zu der auf der Bühne 
weit verbreiteten immer als wirksam sich bewäh- 
renden Gattung der prozeßstücke. Entsprechender 
Weise legt deswegen der Dichter den Haupt- 
naä2druck auf die dialektische Seite, so in der 
Form wie im Stoffe, auf welcher Seite auch 
seine, des Dichters, Stärke liegt. Unerschöpflid7 
in Erfindung, von Laune übersprudelnd, weiß er 
fein Thema mannigfaltig zu variiren, jede einzelne 
Stimme mit feinster Charakteristik zu führen, das 
Tempo bald bis zum Schleppen langsam, bald 
beschleunigt und ßürmisch zu nehmen, Ensemble- 
sätze von durchschlagender Wirkung einzuschieben, 
und nach den tollsten Seitensprüngen des Humors, 
nach gefährlichen 2lbirrungen und Dissonanzen, 
durch einen allgemein befriedigenden Schluß das 
Ganze vollharmonisch abzurunden. Die Unschul- 
digen werden aufgeklärt, versöhnt, vereinigt. Der 
Schuldige, zugleich .in tiefer Jronie der Richter, 
geht mit Schimpf und Schande davon, wird jedoch, 
wie es das Lustspiel erheischt, noch immer geschont. 
Die charaktervollste Figur, eine ländliche Prozeß- 
freundin vom reinsten Wasser, endigt das Stück 
mit der 2lnkündigung, daß sie  weiter prozessirt, 
über ihren zerbrochenen Krug Berufung an eine 
höhere Instanz anmeldend. Und diese ganze 
künstlich verwirrte, wild bewegte Welt, sie dreht 
sich  wiederum in tiefer Jronie  um eine 
Scherbe. 2lus dem dürftigen Stoffe, den ohnehin 
nicht eigene Wahl, sondern äußerlicher Zufall ihm 
zugeführt, schöpft der Dichter, der Dramatiker, eine 
Fülle komischer Motive und Situationen, einen 
Reichthum an originelIen, lebens- und nat11rwahren 
personen, die glücklichsten scenischen Details, die 
übermüthigsten Dialog-Arabesken. Wahrlich, weder 
die dunkelste Tragik in Penthesilea, noch Käthchen7s 
lichte Romantik lassen !-cleist auf einer glänzenderen 
Höhe erscheinen, als dies sein einziges Lustspiel, 
?  (UmphitrYo, der Fremdling, zählt nicht;)  
 eine einaktige Bauern-Komödie; ein niederlän- 
disches Genrebild kleinsten Formats, aber von 
vollendeter Technik, Niemals ist der "fünffüßige 
Jambus freier, charakteristischer behandelt worden; 
gerade das häufige Ubreißen der Vers-Zeile, die 
hin- und ,hergeworfenen Satzbruchstücke, die man 
getadelt hat, bilden einen besonderen Reiz in der 
Sprache und fördern, richtig behandelt, die Wir- 
kung ungemein. 
Daß und wie das Stück Vom Dichter em- 
pfangen worden, 1802, haben wir gesehen. Sein 
eigentliches Geburtsjahr dürfte kaum festzustellen 
sein. Es scheint, daß Kleist  wohl jeder Dichter 
thut7s  seine Stoffe lang mit sich umhergetragen 
hat, und wie sein Erdenwallen unstät und flüchtig 
gewesen, ein Spiel des finsteren Dämons, der ihn 
 zu frühem unnatürlichem Tode getrieben, so ist 
auch gewiß sein dichterisches Schaffen regellos 
gewesen, an Ort und Stunde nicht gebunden, 
nach Impulsen des Uugenblicks unterbrochen und 
fortgeseZt, spät und zögernd vollendet. Tieck, der 
ihn persönlich kannte, schreibt von ihm: ,,Er war 
gewissenhaft ängstlich in seinen Arbeiten; sie rückten 
nicht schnell vor; er änderte oft und arbeitete 
wieder um. Er selbst war am sd2wersten zu be- 
friedigen.-- So schleppte er auch den zerbrochenen 
Krug mit sich aus der Schweiz nach Dresden, 
wo das Stück I80Z auftaucht, und vollendete es 
(wer weiß nach wie vielen 2lenderungen?) erst um 
I80? in Königsberg. Wenn ein Schauspiel das 
Licht der Welt erblickt an dem Tage, an welchem 
es hinter dem Tampenlicht zum ersten 21lal er: 
scheint, so datirt der zerbrochene Krug von Mitt- 
woch, dem 2. März s8()8. Un geweihter Stätte, 
in Weimar, beschreit das neugeborne Kind die 
Wände des Theaters. Kein geringerer Pathe als 
Goethe hält es über die Feuertaufe. Der Name 
des Vaters wird  auffälliger Weise, vielleicht 
vorsichts- und schonungshalber  auf dem Zettel 
nicht genannt. Aber trog so vieler günstiger 
Zeichen standen böse Sterne über der Stunde der 
Geburt. Das Stück fiel durch, wie bereits erwähnt 
H worden; fiel durch mit ungewöhnlichem Glanze!
        

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