Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Daz hohe liet von der maget
Person:
Mansberg, Richard von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-981559
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3984260
man von der Syfmbolik überhaupt kaum erwarten, hat doch auch der grübelnde Verstand mannig- 
fache Lösungen des erhabenen Problems gesucht, aber vergeblich, denn Gottes erlösender Ratschluss 
bleibt (lunkel, nur die Liebe ahnt seine unendliche Liebe: vDGUS homini per misericordiam justitiam 
dedite, sagt almungsvoll und schön der grosse Mystiker Hugo von St. Victor?) Bei aller logischen 
Schärfe, um nicht zu sagen Spitzlintligkeit, der Scholastiker, bei einer noch so sinnigen Austiihrung 
des (jledankens von der Satisfaction durch die Mystiker ist das grosse Mysterium von der Incarnation 
das geblieben, was es ewig bleiben wird: ein Mysterium. 
Im allgemeineren ikonograpliischen Interesse dürfte eine nur in gewissem Sinne hierher gehörige 
Anmerkung zu machen sein. In der Dogmatik der griechischen Kirche gehet der Geist lediglich 
von der ersten Person der Trinitiit aus, nicht von Vater und Sohn, wie in der abendländischen, ein 
 des Schismzi zwischen den beiden Kirchen. Damit im Zusammenhange steht eine 
Darstellungsweise byzantinischer Kunst, nach welcher die zweite Person selbst zum Engel wird, zum 
Engel des grossen Ratschlusses (6 äyyelog züg ysyamjg ßovlüg), der eben in Folge dieses Ratschlusses 
selbst und direct vom Himmel zur Erde herabsteigt zum Zwecke der Incarnation. Diese mit den 
Ansichten der lateinischen Kirche schwerlich in Übereinstimmung zu bringende Auffassung hat gleich- 
wol im XIV. Jahrhundert zu abgeschmackten Darstellungen in der bildenden Kunst des Abendlandes 
verleitet; mit der Gotik ist die Sache von Frankreich leider auch nach Deutschland gedrungen. 
Man fasste nämlich die Incarnation als eine directc rsimissio iiliks, wie eine Entsendung der zweiten 
Person der Trinität zu einer trüben Pilgerfahrt mit sehr traurigem Ende auf Die spiessbürgerliche, 
l1andwerksiniissige Darstellungsweise jener Zeit liess den Heiland, meist in der vollständigen Toilette 
des Erdenpilgers, von seinem gestrengen Herrn Vater im Himmel mit dem Ausdruck gramvoller 
Resignation sich verabschieden und nachgehends dahin zurückkehren, mit gar kläglicher Miene auf 
seine grässlichen Wunden und auf die Instrumente der Passion deutend. Wegen der mimischen 
Aufforderung, auf dem leeren Sessel neben dem eisgrauen Gottvater Platz zu nehmen, oder wegen 
der von diesem bisweilen (largebtitenen Krone hat man solche Darstellungen wol die Glorification 
(Yhristi genannt. Die Blütezeit des Mittelalters hatte eine edlere Auffassung von der Glorification, 
die unter anderen bei den Kreuzigungslnildern in einer würdigeren Symbolik zum Ausdruck kam. 
Überraschend schnell alterte die symbolische Figur Gottvaters, was bereits am Ende des 
XIII. Jahrhunderts (leutlich bemerkbar wird. Schon Conrad von YVürzburg trägt dem altersgrauen 
Aussehen Rechnung, wenn er bei der Geburt des Christkindes singt: 
burd7 binc fiusdqe ein frippenfnabe 
ber bei): wie altberrc wart: ein gräwer Ioc, sin griser bar: 
bie wurben im gcbriunet, man vant in umbe5iunet 
in einer frippcn als ein Fint. 
41) In ansprechender Weise führt Hugo diesen Gedanken aus in seiner Erudit. theol. de sacr. Lib. I. p. VII c. 15 und 
p. VIII c. 4: "Weil der Mensch, von Satan verleitet, durch eigene Kraft zu erlangen meinte, was er nur durch Gottes Gnade 
erreichen soll, weil er-vor der Zeit in den Besitz der Vorzüge treten wollte, die ihm erst nach bewiesenem Gehorsam zugedacht, 
weil er nicht mehr in berechtigter Weise nach Gottähnlichkeit, sondern nach Gleichheit mit Gott strebte, so konnte er für 
solchen ungeheuren Hochmutsfrevel in eigenen Mitteln keine Genugtuung bieten, konnte durch eigene Kraft dem Joch der Ver- 
dammung nicht mehr entgehen. Deshalb erbarmte sich Gott, kam ihm zuerst aus freier Gnade zuvor durch seine Barmherzig- 
keit, dass er ihn dann befreie durch seine Gerechtigkeit. Ein Recht, dem Verderben zu entgehen, hätte der Mensch nie 
erlangt, wenn Gott ihm nicht solches Recht durch seine Barmherzigkeit verliehen hätte. Er gab dem Menschen aus freien 
Stücken, was dieser schuldigermassen Gott entrichten sollte. Damit er Solches könne, ist Gott, grösser als der Mensch, ein 
Mensch geworden und hat sich selbst als Mensch dem Menschen gegeben, auf dass er sich wiederempfinge von den Menschen 
als Sühne der Gerechtigkeit." 
Auf diese reiche Genugtuung, welche göttliches Erbarmen durch die vielfach geweissagte, heiss und innig ersehnte 
Incarnation des Wortes herbeiführte, bezog man gern die schonen Worte des Ps. 84,1: Misericordia et eeritas obviaverzznt 
sibi, jztstiticz et pax osculzztae sunt, welche uns bisweilen als In- oder Umschrift begegnen bei künstlerischen Darstellungen 
sowol der Passion wie der Incarnation (Verkündigung). 
10'"
        

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