Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte des deutschen Kunstgewerbes
Person:
Falke, Jakob von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-975669
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3957140
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Erste Abteilung. 4. Die Epoche des gotischen Stils. 
so auch die Stickerei, welche von der Vervollkommnung der zeichnenden Künste ihren 
Ruhm zog. Sie hatte nun ein Mittel, Gesichter und Hände, welche sie früher nur 
mit Farbe eingezeichnet hatte, gleich der Malerei auszuführen, und sie that es auch. 
So kam sie im Wetteifer mit der Malerei dahin, nicht bloß Gewänder 1cnd Teppiche 
zu schmücken, sondern sie arbeitete Bilder, eiugerahmte Bilder, die als Schmuck des 
Altars oder als Zierden der Wand dienten, Flügelbilder in Gestalt von Diptychen 
und Triptychen, die den Dienst der gemalten Bilder verrichten sollten. Solche Bilder 
entstanden insbesondere unter dem Einfluß der burgnndischen Herzöge, welche die 
Stickerei wie kaum die geistlichen Fürsten begünstigt zu haben scheinen. Aus ihrer 
Bestellung sind auch die schönsten Stickereien hervorgegangen, welche überhaupt noch 
aus dem fünfzehnten Jahrhundert erhalten sind, der geistliche Ornat für die kirchlichen 
Feste des Ordens vom goldenen Vließ, der sich heute zum größten Teil in Wien, 
zum anderen Teil in Bern befindet, eine Beute aus den Schlachten, in denen Karl 
der Kühne und das Reich Burgund zu Grunde gingen. Diese Gewänder, zahlreiche 
Heilige unter Baldachiuen in gotisch-architektonischer Umrahmung darstellend, gezeichnet 
mit aller Vollkommenheit und im Geiste der van Eyckschen Schule, zeigen nicht bloß 
den Plattstich in höchster Vollendung angewendet, sondern auch die Goldstickerei in 
einer Weise ausgebildet, welche, ohne an Feinheit zu verlieren, die Malerei an Glanz 
und Wirkung übertrifft. Farbige Seide, je nach den Lokalsarben, deckt den Fand der 
Goldfädeu zu, offeuer oder dichter, und zwar so, daß, wo die farbige Seide offeuer 
ist, hier der durchscheinende Glanz des Goldes die Lichter in der Zeichnung bildet. 
Die ganze Zeichnung ist somit, hier mehr, dort weniger, von goldenem Schimmer 
durchleuchtet. 
Wir können diese Arbeiten zwar nicht als deutsche in Anspruch nehmen, da sie 
auf burgundische Veranlassung in einer Stadt des burgnndischen Reichs entstanden 
sind, vermutlich in Arras, wo die Stickerei neben der Teppichweberei blühte, aber diese 
burgundisih-niederländische Stickerei war Vorbild nnd Anregung für die deutsche 
Stickerei, die während des fünfzehnten Jahrhunderts ihren HauptsiZ am Rheine hatte. 
Die drei geistlichen Kurfürstentümer Köln, Mainz, Trier waren es, welche mit ihrem 
außerordentlichen Bedarf eine Blüte feiner Stickerei hervorriefen. Hier ist es auch, 
wo noch das meiste von dem erhalten ist, was das fünfzehnte Jahrhundert an deutscher 
Stickerei übrig gelassen hat. 
Das gewerbreicl)e Köln muß als der HauptsiH gelten. Hier hatte sich schon im 
vierzehnten Jahrhundert eine eigentliche Zunft der Kunst- und Wappensticker gebildet, 
welche ebenso für die Kirche wie für die Laienwelt arbeitete. Ja sie nahm so sehr 
die Stickerei als ihr Recht in Anspruch, daß sie es den Nonnenklöstern bestritt, diese 
selbst mit Gewalt an der Arbeit hindern wollte. Man hat auch die Namen ver- 
schiedener Stickerinnen wieder an das Licht gezogen, die das Geschäft gewerblich mit 
besonderen Spezialitäten betrieben haben, wie aus den Beisätzen zu schließen: facrrix 
mitrarum, factrjx st0larum, factrix casulaI-um. Bei diesen Köl11er Arbeiten, die in 
kausmännischem Export durch alle Länder verbreitet wurden, gingen Weberei nnd 
Stickerei Hand in Hand, die Weberei arbeitete vor und die Stickerei führte einzelne 
Teile vollkommener aus. Der Bedarf war mannigfach. Einen Hauptgegenstand bildeten 
die vielbeliebten Wappen,- daher auch die ganze Zunft den Namen der Wappensticker
        

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