Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte des deutschen Kunstgewerbes
Person:
Falke, Jakob von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-975669
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3957100
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Erste Abteilung. 
4. Die Epoche des gotischen Stils. 
einer mit verbundenen Augen erraten muß, wer ihn schlägt u. a. Auch hier dieselbe 
Zeit, dasselbe Kostüm und oberdentsche Beischriften. 
Den merkwürdigsten m1d interessantesten Teppich dieser Art besiHt das Germanische 
Museum. Er stellt in schöner reicher Landschaft mit einer Stadt, mit Burgen und 
Wald einen Minnehof dar mit all den Vergnügungen und Ergößlichkeiten, mit denen 
sich- die vornehme Gesellschaft noch in der ritterlichen Zeit unterhielt. Rechts im 
Vordergrunde thront die Königin Minne als Richterin, Herren werden von Damen 
vor ihren Richterstuhl geführt, andere an die umgebenden Schranken angebunden; an 
anderer Stelle werden Herren von Damen fortgeführt oder umgekehrt die Damen von 
den Herren. Man sieht jenes Spiel, wobei ein Herr mit dem Gesicht im Schoße der 
Dame erraten muß, wer ihn geschlagen hat. Man sieht ein Scherzturnier, welches 
mit Fußstößen statt mit der Lanze ausgeführt wird: eine Dame siHt auf dem Rücken 
eines liegenden Herrn und erhebt den rechten Fuß; ein Herr steht vor ihr und erhebt 
das Bein zum Gegenstoß. Ja der Ferne sieht man Jagd nnd Fischerei, und über- 
haupt ist die ganze Szene des gewaltigen.Teppichs noch in maunigfacher Weise mit 
Figuren und Tieren belebt. Damen nnd Herren sind wieder-höchst vornehm nach der 
Mode der Zeit gekleidet nnd zumal mit Schellen behängt, doch zeigen die Trachten- 
formen etwas älteren Charakter, so daß dieser Teppich wohl noch in das vierzehnte 
Jahrhundert, wenn auch erst gegen das Ende, zu setzen ist. 
Bei den gemeinsamen Eigenschaften, welche alle die bisher geschilderten Teppiche 
zeigen, möchte man auch auf eine gemeinsame Fabrikstätte schließen; wo sie war, bleibt 
freilich noch zu suchen und zu bestimmen. Anderseits läßt die Einfachheit der Technik 
und das zahlreiche Vorkommen insbesondere der Teppiche mit religiösen Gegenständen 
wohl vermuten, daß viele Orte diesen Industriezweig besaßen. Ein großer Teppich 
im Germanischen Museum,-Z) welcher den Heiland als Weltenrichter darstellt, zu dessen 
Füßen Engel mit Posaunen die Toten aus ihren Gräbern hervorrufen, dürfte von 
Nürnberger Arbeit sein, wenn anders die Wappen zweier Nürnberger Patrizierfamilien, 
der Schürstab und der Volkamer, auf demselben diesen Schluß gestatten. Die Gegen- 
stände religiöser Art sind so mannigfach auf diesen Geweben wie in der Bild- und 
Wandmalerei, der sie ja noch in erweiterter Bestimmung zur Seite traten. Denn 
wenn die großen Teppiche die Wände zu bekleiden hatten, so dienten die kleineren als 
Behang der Bischofstühle, als Rücklaken in den Chorstühlen, als Bedeckung der SiHe 
und Bänke u. s. w. 
Es scheint fast, als ob die Teppichwirkerei in den leHten Jahrhunderten des 
Mittelalters, im vierzehnte1c und fünfzehnten, der Stickerei die große Arbeit abge- 
nommen hätte, welche diese in der romanischen Epoche geleistet. Je mehr jene sich in 
figürlicher Darstellung in großen Dimensionen gefällt, je mehr giebt diese die Sache 
auf, beschränkt sich auf kleinere Gegenstände, vervollkommnet sich aber in Zeichnung 
und Technik. Aus der Übergangsepoche von dem romanischen Stil zum gotischen sind 
noch einige merkwürdige Arbeiten im ehemaligen Nonnenkloster Wienhausen bei Eelle 
erhalten, welche man irrtümlicherweise den gewirkten Teppichen zuzählt und auch in 
 V) Abgebildet wie das oben beschriebene Gewebe im ,,Katalog der im Germanifchen Museum 
befindlichen Gewebe". Taf. X. und Taf. XIV.
        

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