Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte des deutschen Kupferstiches und Holzschnittes
Person:
Lützow, Carl von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-975650
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3949868
34 Erster Abschnitt. 2. Der Kupferstich des fünfzehnten Jahrhunderts. 
und geistig vorgeschritten zeigen und,die man daher einer Ubergangszeit zu dem Stil 
seiner beginuenden Reife zuschreiben darf. Es gehören dahin vor allen zwei von 
Schongauers herrlichsten und berühmtesten Kompositionen: die große Anbetung Christi 
(B. 4) und die von dem jugendlichen Michelangelo kopierte Versuchung des heiligen 
Antonius (B. 47). Die anmutige, in einen frühmittelalterlichen Gewölbebau hinein- 
gedachte Szene der Anbetung mit der noch durchaus flandrischen Madonna und den 
reizvollen Ausblicken in die Ferne steht in lebhaftem Gegensatz, gegen die abenteuer- 
liche Phantastik des heiligen Antonius, der von seinen teuflischen Peinigern durch 
die Lüfte entführt wird. Aber die Technik beider Blätter ist durchaus verwandt, in 
der lockeren Behandlung, der zarten Strichelung und in der nur andeutungsweiseu 
Betonung der Details.  Auch das liebliche Jdyll der ,,Flucht nach Ägypten" (B. 7), 
mit seiner üppigen, südlichen, flandrischen Bildern entlehnten Vegetation, Dürers Vor- 
bild für die Darstellung im Marienleben, wird nicht lange nach diesen Blättern 
entstanden sein.  Derselben Gruppe sind ferner der kleine heilige Georg im Rund 
(B. 51) und das dem Volksleben entnommene Blatt des Marktbaueru (B. 88) zu- 
zuweisen.  Auf allen bisher besprochenen Blättern hat das M von Schongauers 
Monogramm die frühere Form mit den senkrechten parallelen Schenkeln (lVl), an deren 
Stelle später die in die Breite gezogeue Form (lVx und M) trat. 
Daß der Meister auch zu großartigen figurenreichen Darstellungen dramatischer 
Natur schon in verhältnismäßig jungen Jahren vorgeschritteu ist, beweist sodann das 
mit Recht hoshgepriesene Blatt der großen Kreuztragung (B. 21). Seine Technik ist 
noch durchaus jene freie, zeichuerische; die Typen erinnern in Formen und Ausdruck 
an die flandrischen Vorbilder; die Bildung der Gliedmaßen, Extremitäten und Ge- 
wandfalten zeigt ebenfalls noch nichts von den charakteristischen Zügen der späteren 
Zeit. Aber in der Entwickelung der Szene, in der Gruppierung und Verteilung der 
Massen auf die verschiedenen Pläne der Komposition, in der gewaltigen Entfesselung 
der Leidenschaften ist der Meister hier schon auf dem Gipfel seiner Kunst angelangt. 
Die Kriegsknechte mit ihren ans Groteske streifenden Physiognomien und eckigen Be- 
wegungen sind echte Kinder der Passionsbühne. ,,Jn schrosfem Gegensah zu ihnen 
.steht die Leidens-gestalt des Heilandes, der im Niedersinkeu sein schmerzvoll brecheudes 
Auge auf den Beschauer richtet und doch seine mit Milde gepaarte Würde bewahrt. 
Dieser ChViftUstyPUs, die eige11fie Schöpfung Schongauers, ist zugleich die früheste 
Verkörperung der modernen Empfindungsweise, welche in dem Crlöser in erster Linie 
den Repräsentanten der leidenden Menschheit sieht" (SeidliH). 
Als Arbeiten ungefähr der gleichen, immer noch frühen Zeit sind aus technischen 
Gründen folgende zu betrachten: das kleine Blatt mit Christus am Kreuz (B. 22), 
der seltene Christus am Kreuz mit dem StrahIem1ik-II-us (GaIich-m, S. 334), der 
kleinere heilige Sebastian (B. 60), die anmutige Gestalt der heiligen Agnes (B. 62) 
und eine der thöriihten Jungfrauen in halber Figur (B. 87). In der Behandlung 
alle! diese! Stiche wiegt noch der zeichuerische Charakter mit den kleinen runden 
Häkchen in den Halbschatten vor. 
Zu den legten Werken der Übergangsepoihe in den entwickelten Stil zählen die 
beiden Einzelfiguren der Verkündigung (B. I u. 2) und das herrliche Blatt des Todes 
der Maria (B. 33). Die Typen des Rogier van der Weyden und gewisse Nach-
        

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