Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte des deutschen Kupferstiches und Holzschnittes
Person:
Lützow, Carl von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-975650
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3949589
Der Meister der Spielkarten. 
13 
(a. a. O. S. 4, zu Taf. II, 1 n. 2): ,,Dieser Stecher ist noch ein Kind der liebens- 
würdigen weichen vor-van-Eyckschen Kunst: er besiht Süße und Reinheit der Empfin- 
dung, jedoch geraten ihm bewegte Kompositionen schlecht." Den leHteren Zug teilt 
der Stecher mit den alten Kölner Malern, von denen ihm in der Gesichtsbildung, in 
der Form nnd Bewegung der Hände, in der Gewandbehandlung und in anderen 
Punkten besonders der Urheber des Kölner Dombildes, Stephan Lochner, ver- 
wandt ist. 
Derselben Richtung, oder nach der Ansicht des eben genannten Autors sogar der- 
selben Persönlichkeit, gehört das älteste deutsche in Kupferstich ansgeführte Kartenspiel 
an, welches wir noch l1esiZen. Es ist zugleich eines der schönsten seiner Art und 
man pflegt den Meister, der es gestoc)en, gewöhnlich nach diesem Werke schlechthin 
als den ,,Meister der Spielkarten" zu bezeichnen."s) Von ihm rühren auch die 
Gefangennehmung Christi bei Weigel und Zestermann (Anf. der Druckerkunst, Nr. 429), 
das Martyrium der heil. Katharina in München (Passavant, P. Gr. H, 238, 187) 
und der Christus als Schmerz-,ensmann in der Sammlung Malcolm zu London her. Das 
Kartenspiel (im ganzen aus sechs Farben zu je vier Figuren- 1md neun Zahlenkarten 
bestehend, von denen man jedoch gewöhnlich nur je vier Farben, also zweiundsünfzig 
Karten, zu einem Spiel vereiuigte) ist in den gut erhaltenen Exemplaren von un- 
gemein kräftiger und lebensfrischer Ausführung des Stichs, die Drnckerschwärze tiefer 
als gewöhnlich, die Kartenfarbe mit der Schablone nachher aufgedruckt. Die Unter- 
scheidungszeichen der sechs Kartenfarben, welche nach deutscher Art der lebendigen 
Natur entnommen sind (1. Rosen, 2. Cyklamen, 3. Wilde Menschen, 4. Vögel, 
5. Hirsche nnd Elentiere, 6. Löwen und Bären) und die Figurenkarten jeder Farbe 
(König, Dame, Ober, Unter) gaben dem Stecher Anlaß zu der mannigfaltigsten Be- 
thätigung seiner Meisterschaft und er bewegte sich in diesem weiten Gebiete stets mit 
gleicher Anmut und Sicherheit.  Jn späteren Blättern zeigt der Kartenstecher einen 
strengeren, eckigeren Stil, den er ebenfalls mit großer GesGicklichkeit handhabt. 
Man sieht klar: diese feste Technik war das Ergebnis einer langen Schulung, deren 
Traditionen aus der Werkstatt der Goldschmiede stammen. 
Der erste deutsche Stecher, für dessen Zeitbestimmung uns ein sicherer Anhalts- 
punkt vorliegt, ist der Urheber der Folge von sieben Blättern mit Darstellungen aus 
der Leidensgeschichte Christi, welche aus der ehemaligen Sammlung Renonvier zu 
Montpellier 1881 in das Kupferstichkabinett des Berliner Musenms übergegangen 
sind. Es ist das einzige bekannte Exemplar dieser Blätterfolge, deren große kunst- 
geschichtliche Bedeutung darin besteht, daß sich darunter der älteste datierte Kupserstich 
befindet, welchen man kennt. Wir führen denselben in getreuer Nachbildnng vor (Abb. 3). 
Das die Geißelung Christi darstellende Blatt ist an dem gotisch verzierten Gebälk in 
der Mitte des oberen Randes mit der Jahreszahl MCCCCX'Tl""JI (1446) versehen. Wie 
das Beispiel veranschaulicht, haben wir es hier mit Äußerungen jenes oft tibertriebenen 
Realismus zu thun, welcher die deutsche Kunst jener Tage kennzeichnet. Besonders 
tritt dieser Zug in den Darstellungen der Marterszenen hervor, wo Henker und Kriegs- 
V) Bartsrh, P.  X, 80 ff.: Passavant, P. Gr.1l, 70 ff. u. 247; M. Lehrs, Die ältesten 
dcutsä)en Spielkarten, Dresden 1885; W. Schmidt, Repertorium f. Kunstwifs. X, 128 ff.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.