Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der deutschen Malerei
Person:
Janitschek, Hubert
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-975647
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-3948634
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Deutsche Malerei. IX. Neues Leben. 
den Anlaß gegeben, aber wie schon in Frankreich bei den begabten Vertretern 
der Richtung das naturwissenschaftlich scharfe Beobachtnngsresultat mit der Forderung 
des künstlerischen Auges nach Harmonie sich in Einklang geseßt hat, so auch in 
gleichem Maße bei den deutschen Vertretern der jungen Richtung. Ihr Programm 
besteht nicht bloß in einer koloristischen Maxime, sondern ist auch ein ästhetisches 
und  ethisches Bekenntnis. Nicht bloß darum handelt es sich für sie, der 
Änderung der Lokalfarben in vollem Sonnenlicht in der malerischen Erscheinung 
Rechnung zu tragen, sondern überzeugt, daß Licht und Farbe an sich Poesie ist, 
wollen sie dies auch mit der Einseitigkeit der Paradoxen erweisen, die wunderwirkende 
Kraft der Kunst gerade an den bescheidensten Leistungen der Natur bewähren. Das 
Niedere soll geadelt werden, daher die Vorliebe der ganzen Richtung, in Frankreich wie 
in Deutschland, für die von allem Formenreiz verlassene Landschaft, und für die durch 
Arbeit und Elend ihres physischen Adels beraubten Menschen. Wie warme Menschenliebe 
umschmeichelt diese Kunst das Übervorteilte, Vergessene, Zerdrückte in der Natur. Wer es 
diesen ,,Naturalisten" zum Vorwurf macht, daß ihr Verhältnis zur Natur kein naives 
sei, hat ja Recht; hatte aber der monumentale Stil des Eornelius, von Kaulbach 
nicht zu sprechen, ein naives Verhältnis zum Ideal? Wir sind Spätgeborene; Stellung 
zu nehmen sind wir deshalb gezwungen von Jugend an und ganz besonders der Künstler, 
dessen unruhig gährende Schöpferkrast man immer wieder mit der Autorität des Alten 
oder der Diktatur der Mode einzuschüchtern sucht. So wird Niemand leichter Doktrinär 
als der moderne Künstler, und nicht zum legten der Künstler, dem es recht ernst und 
heilig um seine Kunst zu thun ist. An der SpiHe der ,,naturalistischen" Richtung 
in Deutschland steht Friß Uhde aus Sachsen (geboren 1844), er kam erst spät zur 
Malerei, doch hat er sich unter seinen Genossen am meisten von der technischen und 
ästhetischen Überliefernng frei gemacht, ohne Gediegenheit und Würde aufzugeben, 
und er hat sein ästhetisches und ethisches Glaubensbekenntnis an Stoffen dargethan, 
wo die Menge am zähesten am Herkommen festhält. Wohl steht Uhdes Auffassung 
der evangelischen Ereignisse aus gleichem Boden wie die Rembrandts, aber man mißt 
ungerne Gegenwart und Vergangenheit mit gleichem Maßstab. Das Übersinnliche in 
über menschlic)es Maß hinaus gesteigerten Formen zu schildern, wie es Cornelius 
gethan, ist berechtigt, aber berechtigt auch die Art Uhde-Z. Jenen, welche von einer 
Herabwürdigung des idealen Gehalts der Evangelien dabei sprechen, möchte man mit 
der Frage entgegentreten, ob es denn gegen den evangelischen Sinn verstößt, das 
Göttliche als etwas in der Menschheit, unbedingt von Raum und Zeit Fortwirkendes 
zu fassen. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten 
unter ihnen; der Künstler darf dies Wort seinen Gegnern vorhalten. In Uhdes Berg- 
predigt fliegt ein Schimmer der Verklärung über die derben, durch Arbeit früh der 
Schönheit beraubten Gesichter der Landleute, welche mit hungernder Seele den Trost- 
worten Christi zulauschen; und wenn auch Christus einer der Jhren den Formen 
nach ist, so entströmt doch das Göttliche in ihm wie ein feines geistiges Fluidum seinem 
weder schönen noch kräftigen Leibe. Das Gleiche gilt vom Abendmahl; mag man 
zugeben, daß ein so geschlossener künstlerischer Eindruck wie dort, hier nicht erzielt 
wurde, die Bewegung die vom Worte Christi ausgeht macht das Bild zu einem phy- 
s1ognomischen Drama von zwingender Gewalt. Und ähnliche Kraft der Wirkung ist
        

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